Michael Lichtwarck-Aschoff: Vermessen
Merkwürdige Begebenheiten aus dem Leben von Doktor John Hutchinson
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Von dem viktorianischen Versicherungsmediziner John Hutchinson haben wohl die wenigsten schon gehört. Dabei begegnet man seinen Spuren auch heute noch, sobald beim Lungenfacharzt die Atemleistung gemessen wird. Hutchinson beschäftigte sich im 19. Jahrhundert mit der Frage, wie viel Luft in einer menschlichen Lunge Platz hat, erfand das Spirometer und prägte den Begriff der Vitalkapazität.
Dieses Wort „Vitalkapazität“ ist für sich alleine schon bemerkenswert: Als ließe sich Lebenstüchtigkeit in Zahlen fassen, als könnte ein Messwert Auskunft darüber geben, wie viel Kraft, Zukunft oder Wert in einem Menschen steckt.
Michael Lichtwarck-Aschoffs Roman „Vermessen“ erzählt merkwürdige Begebenheiten aus dem Leben von Hutchinson, wobei der Text keine Biografie ist, sondern ein literarisch ausgeschmücktes, rein fiktives Porträt an dem realen Menschen. Hutchinson wird als Mann beschrieben, der in einer Zeit lebt, in der Wissenschaft, Fortschrittsglaube, gesellschaftlicher Ehrgeiz und politische Interessen eng miteinander verflochten sind.
Sein neues Messinstrument verspricht Erkenntnis, Ordnung und Vergleichbarkeit. Doch was zunächst wie medizinischer Fortschritt aussieht, führt rasch zu weiteren Fragen: Was wird eigentlich gemessen? Wer legt fest, was als normal gilt? Und wie gefährlich wird es, wenn aus wissenschaftlichen Daten gesellschaftliche Urteile abgeleitet werden?
Der Roman ist im viktorianischen England angesiedelt, in einer Zeit in der Wissenschaft manchmal auch noch als so etwas wie eine Jahrmarktsensation betrachtet wird. Wer misst, ordnet und erklärt, gewinnt Aufmerksamkeit, Ansehen und Macht, persönliche Reputation wird ebenso angestrebt wie wirkliche Erkenntnisse . Hutchinsons Spirometer ist daher nicht nur ein medizinisches Gerät, sondern vorrangig einmal aufregende Unterhaltung in den wissenschaftlichen Salons der Zeit.
Inhaltlich streift „Vermessen“ zwar ein paar Episoden aus Hutchinsons Leben, das mit seiner rätselhaften Abreise aus England und später seinem Verschwinden in der Südsee im Nebelhaften endet. Auf der Höhe seines Ruhms verlässt Hutchinson Frau, Kinder und Karriere und geht nach Australien, in die Goldgräberstadt Bendigo. Allein dieser abrupte Bruch in seiner Biografie wäre eigentlich Stoff genug für einen packenden historischen Roman.
Damit aber beschäftigt sich Lichtwarck-Aschoff nur sehr am Rande, sondern mit fiktiven Ereignissen, die vor allem eines zeigen: die schon beinahe an Fanatismus grenzende Leidenschaft, mit der Hutchinson an der Auswertung der Ereignisse seiner Forschung arbeitet. Auswertungen, mit denen er auch ganz allgemein in der statistischen Auswertung von Daten neuen Maßstäbe setzt.
Die von Michael Lichtwarck-Aschoff erzählte Geschichte wird erst dann wirklich verständlich, wenn man die Biografie und die historischen Fakten in den Nachbemerkungen liest. Dort ordnet sich manches, was im Roman selbst eher unzusammenhängend oder absichtlich schwebend bleibt. Diese Nachbemerkungen sind also der Schlüssel zum Buch. Sie erklären, wer Hutchinson war, welche Bedeutung seine Arbeit hatte und weshalb diese scheinbar spezielle medizinische Episode weit über die Geschichte der Lungenheilkunde hinausweist.
Zusammengefasst
Für mich wäre eine Handlung interessanter gewesen, die weniger fiktive Episoden erfindet und dafür stärker an den tatsächlichen Lebensmomenten des Erfinders bleibt. Denn Hutchinsons reales Leben bietet schon genug Stoff: der Aufstieg im Wissenschaftsbetrieb, die Arbeit als Versicherungsmediziner, die Faszination für Messwerte, der gesellschaftliche Ruhm, das plötzliche Verlassen der Familie, der Weg nach Australien und die Frage, was einen Menschen zu einem solchen Schritt bringt. Diese biografischen Bruchlinien hätten mich stärker interessiert als manche literarische Ausschmückung.
Der Roman hat befasst sich aber auch noch mit einem ganz anderen Thema: Es wird deutlich, wie sehr wissenschaftliche Erkenntnis immer auch von ihrer Zeit geprägt ist. Hutchinsons Messungen finden in einer Zeit statt, in der die Gesellschaft zwar an Fortschritt glaubt, aber zugleich weiterhin von Klassendenken, kolonialen Vorstellungen und später auch von rassistischen Deutungen durchzogen ist.
Besonders bemerkenswert sind daher die Nachbemerkungen: Messungen der Lungenkapazität dienten später teilweise als angebliche Belege für Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe – und damit auch als pseudowissenschaftliche Stütze rassistischer Vorstellungen von Überlegenheit und Minderwertigkeit. Und das bis in unsere Gegenwart.
Mein Resümee
Eine medizinische Erfindung kann hilfreich, klug und fortschrittlich sein – und dennoch in Zusammenhänge geraten, die weit über die ursprüngliche Absicht hinausgehen. Was als Messung beginnt, wird zur Einordnung. Was als Einordnung beginnt, kann zur Bewertung werden. Und wo Menschen bewertet werden, ist der Weg zur Abwertung nicht mehr weit.