Buchbesprechung/Rezension:

Matt Haig: Die Mitternachtsreise

Die Mitternachtsreise
verfasst am 25.07.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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[Gesamt: 1 Durchschnitt: 5]

Wilbur stirbt einsam. Reich aber einsam. Erst in den Tagen vor seinem Tod findet er nach vielen Jahren wieder Anschluss an das Leben, das er in den Jahrzehnten seiner überaus erfolgreichen Geschäftstätigkeit zuerst beiseite geschoben und dann verloren hatte.

Gewonnen hatte er Ruhm und Berühmtheit als landesweit bekannter Unternehmer. Gewonnen hatte er Geld, so viel, dass er für immer sorgenfrei leben konnte. Doch was hat er dafür hinter sich gelassen, einfach ziehen lassen. Maggie, die Liebe seines Lebens ging, seit Jahrzehnten hat er keinen Kontakt mehr zu ihr, seinen besten Freund hat er vor den Kopf gestoßen. Nachdem er sich aus seinem Unternehmen zurückgezogen hatte, führte er ein Leben in Einsamkeit. Jetzt ist er achtzig Jahre alt und er wird sterben.

Für Wilbur ist es aber ein Übergang in eine neue Existenz, in der er als Geist auf Agnes, eine alte, lange verstorbene Bekannte trifft. Agnes, die ganz entscheidend für Wilburs Entscheidung war, Buchhändler zu werden  – und als solcher wurde er reich.

Agnes lädt Wilbur ein, einen Zug zu besteigen, der ihn an die entscheidenden Stationen seines Lebens bringen wird. Am Ende der Fahrt soll ihn die Ewigkeit erwarten.

Wilbur besteigt den Zug und bricht zu einer Reise in seine Vergangenheit auf.

Über die Jahre hinweg lebte Wilbur nicht nur in ganz unterschiedlichen sozialen Welten. Er erlebte auch wie die Jahre zu Epochen werden; wenn auch keinen langlebigen so doch für die Zukunft prägenden. Die gesellschaftlichen und kulturellen und politischen Umbrüche quer durch die Jahrzehnte seines Lebens ziehen an ihm, am Fenster des dahinfahrenden Zuges vorbei. Immer wieder hält der Zug und Wilbur trifft auch sich selbst.

Was für ein verheißungsvolles Bild ist es, das Matt Haig hier entwirft. Könnte man alles selbst, quasi als Finale des Lebens, noch einmal erleben, wie viel gäbe es, das man vergessen hatte und nun wieder betrachten könnte. Keine einfache Aufgabe, die Haig sich hier gestellt hat, doch es gelingt ihm ganz hervorragend, die Geschichten von damals zu erzählen, ihnen den zeitgemäßen Rahmen zu geben. So als wäre alles wirklich zu der Zeit erdacht und entstanden, in der es sich zuträgt.

Die schönen Momente, Wilburg möchte länger verweilen. Die Momente, in denen er persönliche Katastrophen durchlebte, die Fehler, die verpassten Gelegenheiten. Wilburs Stationen folgen einem Muster, das er nicht beeinflussen kann, er darf es nicht einmal versuchen, denn sonst kann die ganze Zeitlinie durcheinander geraten und er würde einfach verschwinden.

Am Ende seines Lebens Rückschau zu halten und wenn man dann etwas korrigieren oder richtig stellen könnte – wäre das nicht grandios?

Wir alle, die wir täglich neben guten auch schlechte Entscheidungen treffen, müssen akzeptieren, dass die Zeit nur eine Richtung fortschreitet und es nicht zulässt, etwas rückgängig zu machen.

Wäre es dann nicht toll, so etwas tun zu können?

Aber für den Moment bleibt nur weiterzulesen, um herauszufinden, ob Wilbur es schafft, etwas zu ändern, gibt es doch so viel, das er ändern möchte. So zu ändern, das sein Leben glücklicher enden kann, als bei seinem Tod; aber so etwas ist doch völlig unmöglich …?

Ein gescheites und sensibles Buch über Werte und Prioritäten, über das, was man verliert, weil man es als selbstverständlich übersieht. Mir erging es jedenfalls so, dass ich versuchte, mir jene Stellen in meinem eigenen Leben in Erinnerung zu rufen, an denen andere Entscheidungen womöglich zu einer ganz anderen zukünftigen Vergangenheit geführt hätte.

„Der Mitternachtszug“  ist auch ein wenig auch ein Buch mit Anleitung zur Selbstreflexion – wenn man das möchte.

Ein Buch, das berührt (genau so, wie man es bei Büchern von Matt Haig erwarten kann)
Eine unbedingte Lesenempfehlung!




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