Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel
Die Halland-Krimis (4)
Autorin/Autor:
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Online bestellen:
Was im Nebel ist, verbirgt sich so lange, bis man direkt davor steht. In Christoffer Carlssons Roman ist das nicht meteorologisch zu verstehen, sondern als bildhafte Beschreibung einer Folge von Ereignissen, deren Ursprung viele Jahrzehnte zurückliegt.
Es begann alles in den 1950er-Jahren, als der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreichte.
In der Gegenwart sind es zwei Todesfälle, die zeitlich beinahe zusammenfallen, bis auf ein Detail aber nicht miteinander nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: der Selbstmord des Schriftstellers Johan Oskarsson und der Tod der Schriftstellerin Ingrid Klinga. Dieses Detail ist der Umstand, dass Johan an einem Buch über Ingrid Klinga arbeitete und dass es dafür auch schon zu einem Treffen der beiden gekommen war.
Ganz und gar nicht vom Selbstmord überzeugt ist der namenlose Ich-Erzähler des Romanes, ein enger Freund Johans, wenn nicht überhaupt sein einziger, der viele Hinweise auf einen Mord sieht. Warum aber ein Mord? Eine Reihe von möglichen Auslösern dafür findet der Freund, selbst auch Schriftsteller, als er sich vornimmt, Johans Arbeit an der Klinga-Biografie weiterzuführen und zu vollenden. Genau das führt siebzig Jahre zurück.
Es geht um Liebe, Verrat, Intrige. Etwas liegt in Ingrid Klingas frühen Lebensjahren verborgen, das anscheinend nach Jahrzehnten im Nebel entdeckt worden war. Zuerst entdeckt von Johan und nun folgt der Autor diese Spur weiter.
Als Kriminalroman im eigentlichen Sinn kann man diesen Roman nicht bezeichnen (auch wenn Kriminalroman auf dem Cover steht). Auf einen dafür benötigten Spannungsbogen verzichtet Christoffer Carlsson weitgehend, ja, es kommen zwar Menschen unter verschiedenen Umständen ums Leben, aber im Kern dreht sich die Handlungen um Menschen, die in verwirrenden und verworrenen Zeiten allzu leicht falsche Entscheidungen treffen – als damals in der Frühzeit des kalten Krieges blinder Enthusiasmus für vermeintliche Ideale einige dazu brachte, blindlings die Ideologie jenseits des eisernen Vorhangs zu verklären.
In zögernden, wortreichen Schritten näher sich der Roman dem Kern der Geschichte. Carlsson mäandert seine Geschichte um die Spur herum, auf die sich der namenlose Freund ersetzt hat. Dass es dabei meistens zu viel Worte und zu wenig Fortschritt in der Erzählung gibt, ist wohl meiner sehr subjektiven Einschätzung zuzuschreiben.
Aber so ist es: Ich verstehe oft nicht, wofür diese oder jene Abschweifung im Text sein muss, wo es doch auch geradliniger und vor allem klarere und griffigere Alternativen gäbe.
Weil ich „Wenn die Nacht endet“, den zuletzt gelesenen Roman von Carlsson als stilistische und dramaturgische Vorlage für diesen Roman erwartet habe, habe ich stellenweise gehörige Schwierigkeiten mich auf den Text in diesem Buch einzustellen. Das geht so weit, dass ich mehrmals knapp davor bin, nicht weiter zu lesen. Knapp davor, aber dann lese ich doch weiter
Dass ich nicht aufhöre, liegt daran, dass mich die Texte in den kurzen Kapiteln (insgesamt sind es 114 auf 464 Seiten) mit ihrer Sprache und Wirkung und der Charakterisierung der Protagonisten beeindrucken.
Nur im Ganzen, wenn ich alles zusammen als einen ganzen Roman sehe, dann fehlt mir der Zusammenhang, dann gibt für meinen Geschmack zu viele Brüche zwischen den Kapiteln. Die vielen Wendungen, die abrupten Zeitsprünge und Szenenwechsel und die inhaltlichen Einschübe verhindern, dass es schlussendlich ein positives Leseerlebnis ist.
Ganz generell und unabhängig von der subjektiven Einschätzung: „Hinter dem Nebel“ ist ein Roman, der bei seinen Leserinnen und Lesern ein hohes Maß an Konzentration, Zuwendung und Geduld erfordert.
So finde ich am Ende kein wirkliches Resümee, weil ich nicht richtig weiß, was ich von diesem Roman halten soll und enthalte mich einer Bewertung.