Buchbesprechung/Rezension:

Andreas Pittler: In der Sache Apfelbaum
Bronsteins letzter Fall

In der Sache Apfelbaum
verfasst am 29.08.2025 | einen Kommentar hinterlassen

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Dieser 9. Fall für Oberst David Bronstein spielt im Jahr 1948 und ist daher zeitlich vor dem 8. Fall „Goodbye“ angesiedelt, der im Jahr 1955, dem Jahr in dem Österreich den lang ersehnten Staatsvertrag erhält und die vier Besatzungsmächte endlich das Land verlassen, spielt. Historiker und Autor Andreas Pittler lässt ihn ein allerletztes Mal (?) in seiner aktiven Dienstzeit ermitteln, bevor er im November 1948 in den Ruhestand übertritt.

Es sind nur mehr wenige Tage bis Bronsteins Ruhestandsversetzung, als der Mord an der Prostituierten Josefine Dangl die Wiener Polizei in Atem hält. Obwohl der Tatort auf der Wieden, also im vierten Wiener Gemeindebezirk liegt, erhält Bronstein den Auftrag im Milieu zu ermitteln. Er hätte, wie sein Chef Berner im Kommissariat Leopoldstadt süffisant bemerkt, ja beste Kontakte zu Zuhältern und Prostituierten.

Nahezu gleichzeitig meldet ein betagter Mann, die Entführung eines offensichtlich jüdischen Mannes durch vier Personen auf der Praterstraße, beobachtet zu haben. Der Zeuge gibt an, es müsse sich um einen Ausländer handeln, ist doch die Bekleidung des mutmaßlichen Opfers sehr gepflegt. Bronsteins Interesse ist geweckt. Ein Ausländer? Kann es sich dabei um einen der wenigen Rückkehrern aus der Diaspora handeln? Statt sich um den Mordfall Dangl zu kümmern, klappert er Hotels ab, um in Erfahrung zu bringen, ob ein Gast abgängig ist und erhält einen entsprechenden Hinweis.

Wenig später wird die Leiche jenes Mannes aus der Donau geborgen, den Bronstein und eine alte Frau als Herschel Apfelbaum identifizieren, der 1938 gerade noch emigrieren konnte. Was hat ihn veranlasst im Herbst 1948 in das zerstörte Wien zurückzukommen?  

Bei seinen, von Chef Berner nicht goutierten, Recherchen deckt Bronstein ein abgrundtief hässliches Verbrechen aus dem Jahr 1938 auf. Die damaligen Täter sonnen sich in ihrem Bewusstsein, dass alle ihre Taten, die sie während des NS-Regimes begangen haben, nun amnestiert sind. Die aktuelle politische Lage, niemand will mit den Nazis etwas zu tun gehabt haben und man möge doch bitte endlich die Vergangenheit ruhen lassen, macht es ihnen leicht. Zudem sind auch zahlreiche Nazis wieder in mehr oder weniger einflussreichen Positionen.

Doch sie haben die Rechnung ohne Oberst Bronstein gemacht, dessen Gerechtigkeitssinn schon fast fanatisch zu nennen ist und der noch mit den Nazis noch eine sehr persönliche Rechnung offen hat. Wie häufig ermittelt er auf eigene Faust und kümmert sich wenig um die Anordnungen seines Vorgesetzten. Kann er die Sache Apfelbaum zu einem Abschluss bringen und anschließend in den Ruhestand gehen?

Meine Meinung:

Wie wir es von Historiker und Autor Andreas Pittler kennen, erklärt die Zusammenhänge der Politik ohne den Eindruck zu erwecken, Geschichtsunterricht zu erteilen. Diese unterschwellige Art historische Zahlen, Daten und Fakten zu vermitteln, ist die große Kunst des Andreas Pittler. Er vermittelt Geschichtsunterricht, ohne dass die Leser dies merken. Seine „Unterrichtseinheiten“ sind in den fesselnden Krimi eingebettet. Er bringt uns die Stimmung in Wien näher, ohne zu werten.

Wir erleben die antisemitischen Ansichten zahlreicher historischer Persönlichkeiten wie von SPÖ-Innenminister Oskar Helmer und abwärts bis hin zur kleinsten und fiktiven Hausmeisterin. Geschickt verknüpft der Autor Fakten mit Fiktion. So darf die Erwähnung der Dreharbeiten zu Carol Reeds Film Der dritte Mann mit Orson Welles, Paul Hörbiger und Annie Rosar nicht fehlen. Zudem begegnet Bronstein bei seinen Ermittlungen Orson Welles persönlich.

Die Versorgungslage drei Jahre nach Kriegsende ist in Wien nach wie vor trist. Es mangelt an allem und jenem. Selbst wenn man über die entsprechenden Lebensmittelkarten verfügt, heißt das noch lange nicht, die aufgerufenen Güter des täglichen Lebens zu erhalten. Auch Zigaretten sind nur auf Karte (oder im Schleichhandel) erhältlich.  

Hier muss ich mich (obwohl ich Nichtraucherin bin) empören, hat man doch den Frauen anfangs nur 20 Zigaretten pro Monat zugestanden, obwohl sie bei den Aufräumarbeiten Schwerstarbeit leisten, um Lebensmittel anstehen, den Haushalt und die Kinder versorgen, während die arbeitslosen Männer 40 Stück erhalten haben. Erst als eine Frau zu Gericht gegangen ist, um die gleiche Menge zu erhalten, hat man dem nachgegeben. Nun, immerhin soll mit Beginn des Jahres 1949 die Rationierung für Zigaretten aufgehoben werden. Ein kleiner Lichtblick für den starken Raucher Oberst Bronstein.

Die gesamte Handlung erstreckt sich zwischen dem 26. Oktober und dem 5. November 1948. Bronstein ist getrieben, diesen letzten Fall aufzuklären und die Täter vor Gericht zu bringen.

Die Charaktere sind, wie gewohnt, authentisch beschrieben. So kann ich David Bronsteins Gedanken nach einem über 41 Jahre dauernden Berufsleben nachvollziehen, wenn er nicht weiß, was er mit seiner Freizeit anfangen soll. Frühere Weggefährten sind entweder ermordet worden oder einfach so gestorben oder wie sein ehemaliger Kollege und Freund Andreas Cerny rechtzeitig in die Tschechoslowakei ausgewandert und hat bei der dortigen Polizei Karriere gemacht. Die Jahrzehnte im Polizeidienst und die Politik haben Oberst David Bronstein zu einem einsamen Mann gemacht. Immerhin trifft er sich mit Heinrich, einem ehemaligen Polizisten zum Schach spielen – auch wenn Bronstein immer verliert.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Fall für Oberst David Bronstein wieder 5 Sterne und eine Leseempfehlung, die für die ganze Reihe gilt.




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