Hamed Abboud: In meinem Bart versteckte Geschichten

verfasst am 09.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Abboud, Hamed, Kurzgeschichten
LiteraturBlog Bewertung:

Aus den Gedanken und Erinnerungen eines Mannes, der seine Heimat verließ, weil er dort keine Hoffnung mehr sah und in ein Land kam, das aus der Ferne wohl so aussah wie eine neue Zukunft. Jetzt, da einige Jahre vergangen sind, seitdem zehntausende Menschen an den Grenzen Europas standen und eingelassen werden wollten, jetzt, wo auch die düstersten Individuen nicht mehr abstreiten, können, dass das Abendland1) deshalb nicht untergegangen ist, jetzt kann man hoffentlich ohne aufgeheizte Emotionen auf das blicken, was damals geschah. Emotionen, die damals, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen, bei wohl den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern Europas hochkamen.

Ein Grund dafür, dass diese Ereignisse der Jahre 2014/2015 ein wenig aus dem Fokus der Betrachtung gerückt sind, ist natürlich auch das, was uns das Jahr 2020 an neuartigen Katastrophen beschert hat. Die Ausgrenzer richten ihre künstlich geschürte Wut nun nicht mehr (nur) gegen Hilfesuchende, sondern (auch) gegen irgendwelche dunklen Mächte, die Covid-19 erfunden haben und die Menschheit nun mit Chip-Impfungen endgültig versklaven wollen (es findet sich nun einmal für jeden Schwachsinn einer, der das glaubt).

Heute leben jene, die vor ein paar Jahren bei uns ankamen, mitten in der Gesellschaft; und stehen doch noch immer abseits. „Flüchtling“ zu sein, Abboud erwähnt es im Zusammenhang mit seiner Mutter, bleibt als Stigma noch lange erhalten; im Fall seiner Familie zuerst die Flucht aus Palästina und dann seine eigene Flucht, weil die Gewalt und der Krieg ihr nachgekommen waren.

Hamed Abboud erzählt in kurzen Essays darüber, wie es sich anfühlt, sich auf den Weg zu machen und in Österreich anzukommen. Aus einem vorgezeichneten Leben mit allen seinen Traditionen und seiner Kultur hinein in andere Traditionen, eine andere Kultur und vor sich einen Lebensweg, der mit einem Mal sein altes Fundament verloren hatte.

Wie man nun die Brücke zwischen der eigenen Vergangenheit und der eigenen neuen Gegenwart und Zukunft in einer fremden Heimat schlagen kann: Das ist für uns, die wir schon immer hier lebten und die wir eine solche Katastrophe wie in Syrien niemals erleben mussten, etwas, das wir uns nicht vorstellen können. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wie es ist, in einer anderen Kultur zu landen – denn wir sind dann immer nur Touristen, die gerne gesehen werden, weil sie Geld ins Land bringen.

Für jemanden, der aber sein Land verlassen MUSSTE, sind es so viele Aspekte des täglichen Lebens, die wir – hier und dort – als Kinder gelernt und aufgesogen haben, die erst miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Oft Kleinigkeiten, die uns nicht auffallen oder nicht wichtig sind, bis wir an einen Ort kommen, an dem man mit anderen Traditionen aufwächst. Das reicht von der Art sich zu kleiden bis zum Respekt, mit dem man älteren Familienmitgliedern begegnet.

In seinen Geschichten erinnert sich Abboud an Momente während der Flucht, beschreibt er viele kleine Ereignisse, Begegnungen, Eindrücke aus seiner Zeit noch in Syrien und vor allem aus seiner Zeit in Österreich. Als er im Burgenland lebte, wie er den Unterschied der Menschen im Dorf und in der Stadt erlebte. Es entsteht bei Lesen so etwas wie das Gefühl einer Unterhaltung, während der Abboud all das ernst, heiter, ironisch erzählt und man zuhört und sich zum Erzählten seine eigenen Gedanken macht.

Nach dem Lesen der 13 Essays habe ich ein, wenn auch noch etwas unscharfes Bild davon gewonnen, wie es sich anfühlt, „Flüchtling“ zu sein. Vollständig werde ich es nie begreifen, aber Hamed Abboud gelingt es mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Schwermut eine ganze Menge von dem zu vermitteln, was ihn – und damit wahrscheinlich auch viele andere, die ähnliches erlebten – bewegt, erfreut, bedrückt oder antreibt.

Und was hat es mit dem Bart auf sich?
Für die einen ist er der sichtbare Beweis für eigene Vorurteile und Grund für Erschrecken, für die anderen ist er ganz simpel etwas, das von alleine wächst und gegenwärtig als Schmuck dient, für wieder andere ist er tatsächlich so etwas wie eine Uniform, ein Erkennungssymbol.

PS: „In meinem Bart versteckte Geschichten“ stand auf der HOTLIST 2020, unter den 10 besten Büchern von unabhängigen deutschsprachigen Verlagen!

PPS: Das Buch ist sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch verfasst. Am Arabischen Teil arbeite ich noch immer :-)


1) Besonders infam fand ich es, als damals gerade die Rassisten und die Vertreter der Gruppierungen, in denen sich die Antisemiten versammeln, etwas vom bedrohten „Christlich/jüdischen Abendland“ faselten.




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