Erwin Riess: Herr Groll im Schatten der Karawanken
Ermittlungen in Kärnten

verfasst am 05.05.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Riess, Erwin

Herr Groll Eigentlich will Herr Groll „nur“ zur Hochzeitsfeier seines Freundes Prinz Eugen nach Kärnten reisen. Doch seine Begleitung, der Herr Dozent, bittet ihn um Unterstützung in der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte, die einen großen braunen Schatten wirft. Eine geniale Analyse der sozial-politischen Geschichte Kärntens, eingebettet in den Skandal der Hypo Alpe Adria, politisch brauner Vergangenheitsbewältigungsversuche und dem GTI-Treffen am Wörthersee.

Herr Groll – Rollstuhlfahrer – und der Dozent, machen sich auf den Weg nach Kärnten. In Grolls altem Renault sinnieren sie vor sich hin. Ängstlich ist er der Dozent. Der Soziologe hat in diversen Journalen und Magazinen Veröffentlichungen über die politischen Verhältnisse Kärntens publiziert – dies könnte eventuell manch KärntnerIn erzürnt haben. Angsthase.

Zeitgleich – auf dem Weg zur Hochzeit Prinz Eugens und in Richtung Vergangenheitsbewältigung des Soziologen – findet das GTI-Treffen am Wörthersee statt.

Aus Sicht Herrn Grolls ist es kein Zufall, dass sich dieses GTI-Treffen ausgerechnet in Kärnten abspielt. Er erörtert, wie die Einführung des VW Golf in Deutschland die Nachkriegszeit beendet hat. Nicht durch den Kniefall Willy Brandts vor den Opfern des Holocausts in Warschau, nein, erst mit dem VW Golf sei Deutschland in Europa angekommen. Denn wenn der Wehrmachtsbetrieb „Volkswagen“ solche Autos bauen kann, wäre es mit der deutschen Gefahr vorbei gewesen. Und so feierten die jungen Menschen in Europa diese Friedensbotschaft, kauften millionenfach dieses Auto und huldigenden der Europäisierung Deutschlands seither jährlich mit einem Fest am Wörthersee.

Auf dem Weg nach Kärnten lesen Herr Groll und sein Begleiter in Briefen der Mutter des Dozenten, die ihn ja auch aufgefordert hat, sich in Kärnten der familiären Vergangenheit zu stellen. Es gäbe da ein ungelöstes Geheimnis und sie erwartet sich eine Erklärung über ihren Sohn zu finden.

Sie sagt ihm per Post ganz ungeniert, dass sie ihn für einen Versager hält, trotz seines Studiums. Die Maschinenfabrik der Frau Mamaaaa schüttet ja einen ordentlichen Gewinn aus und das sichert ihn aus ihrer Sicht finanziell ab. So müsse er sich gar nicht erst bemühen, seine soziologischen Schrullen aufzugeben und einer „ordentlichen Arbeit“ nachzugehen.

Sie schreibt unter anderem auch, dass ihre Vorfahren sehr in der SS verstrickt waren, da wird dem Dozenten schon auch mal übel.

Zwischen philosophischer Auseinandersetzung sozial-politischer Ereignisse und allerhand Begegnungen mit der Kärntner Bevölkerung wir plötzlich Grolls Freund – bevor er seiner Geliebten das Ja-Wort geben kann – ermordet. Herr Groll findet am Tatort eine seltsame Liste. Eine Auflistung diverser KundInnen einer Kärntner Bank. Damit geraten Herr Groll und der Dozent nun endgültig in den Strudel nationalsozialistischer Vergangenheit, dessen Wirtschaftsgesetze und Politiklandschaft bis ins Heute fortdauern.

Ein köstlicher Roman, der eher von historischen, politischen und wirtschaftsstrategischen Geschichten lebt – schön rund um den Mordfall an Herrn Grolls Freund aufgebaut.

Eine Erkenntnis Herrn Grolls – die auch mir des Öfteren sauer aufstößt – ist, dass in Kärnten gerichtsanhängige Verfahren immer wieder eingestellt werden, nämlich dann, wenn 3 Faktoren eine Rolle spielen: die Finanz, die Politik samt ihrer Gesetzgebung und die braune politische Vergangenheit.

Natürlich schreibt Erwin Riess aus der „linken“ Ecke! Ein tolles Buch, unterhaltsam, amüsant und trotzdem macht es betroffen!



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