Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln
Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer

Pol Pots LächelnDas 20. Jahrhundert war übervoll mit grausamen, blutrünstigen, mörderischen Diktaturen und Dikatoren. Europa, Asien, Afrika, Südamerika: überall versanken ganze Staaten, oft ganze Kontinente in Schutt und Asche. Eine Bewertung, eine Reihung dieser Regime nach der Anzahl der Opfer, die sie forderten ist fehl am Platz, denn schon jedes einzelne Opfer einer Gewaltherrschaft ist eines zu viel.

Doch kann man mit Sicherheit festhalten , dass das Regime der Roten Khmer in Kambodscha eines der brutalsten überhaupt war. In etwas mehr als 3 Jahren forderte der Terror Pol Pots und seiner Genossen rund 2 Millionen Menschenleben (Es gibt keine bestätigten Opferzahlen, die Schätzungen schwanken zwischen 1,5 und 3 Mio.), es wurden ganze Landstriche entvölkert, ganze Bevölkerungsgruppen ausgerottet. In Relation zur Bevölkerungszahl wahrscheinlich mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Das Grauen fand in der Mitte der 1970er Jahre statt. Und wie es damals recht oft geschah, wurden im Westen die linken Despoten von Mao bis Pol Pot  (heute weiß man: sie waren allesamt Massenmörder) als Gegenpol zum angeblichen oder realen „Amerikanischen Imperialismus“ von vielen sogenannten/selbsternannten “ Intellektuellen“ verklärt.  Der Krieg in Vietnam war ein einziges ungeheures Verbrechen (was er zweifelsfrei war und die Herren Nixon und Kissinger standen dabei ganz vorne in der Reihe der Bösen), gegen das in aller Welt demonstriert wurde.  Das rückte die gesamte Region ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit und dabei wurden zu oft ungeprüft alle Gegner des angeblich einzigen Verbrechers (der USA) zu „den Guten“ erklärt. Übersehen wurde meist, dass Verbrechen zu beiden Seiten der Frontlinie begangen wurden.

In Schweden war es nicht anders und dort entstand eine Organisation, die die Beziehungen Schwedens zum damaligen Kambodscha intensivieren wollte. Vier der Mitglieder dieser Bewegung bereisten das Land im Jahr 1978 und kehrten mit Bildern und Geschichten über Frieden, Wohlstand und glückliche Menschen zurück. Die Verbrechen konnten oder wollten sie nicht sehen – interessant dabei ist, dass sie ihren Bericht erst im Jahr 1979 veröffentlichten, als die Roten Khmer bereits vertrieben und die meisten ihrer Verbrechen längst bewiesen und weltweit bekannt waren. Das hinderte sie aber nicht, weiter zu ihrer Meinung vom ach so humanen Utopia in Kambodscha –  quasi dem Modell für das Paradies auf Erden – zu stehen. Wie war das möglich?

Peter Fröberg Idling erzahlt über die vier schwedischen Reisenden, denen man Kambodscha als ein paradiesisches Land vorführte und die es nicht schafften, hinter die Fassade zu blicken. Er erzählt darüber, was sie damals im Jahr 1978 vor Ort erlebten und sahen. Er erzählt darüber, wie sie heute –  rund 30 Jahre danach, mit all dem Wissen über jene Zeit, zu ihren damaligen Berichten und ihrer damals veröffentlichten (positiven) Meinung über die Roten Khmer stehen.

Der Autor  folgte den Spuren dieser Delegation in Kambodscha, er befuhr die selben Strassen, besuchten die selben Orte um sich ein Bild zu machen: um zu verstehen, wie es sein konnte, dass alle vier sich der damaligen Realität derart verweigern konnten.

Eine Frage aber kann er nicht beantworten:  könnte so etwas auch heute noch geschehen, würden wir heute ebenso blind sein gegenüber derartigenVerbrechen. Es ist gleichzeitig auch die unbeantwortbare Frage, ob solche Demagogen und Mörder wie Hitler und Stalin heute bei uns noch an die Macht kommen könnten.

Das Buch ist eine Mischung aus Roman und Geschichtsbuch. Historische Fakten beginnend mit den Anfängen des Staates Kambodscha nach der Unabhängigkeit von Frenkreich, sind mit „Spielszenen“ durchsetzt. Darin sind einzelne Episoden aus der Entstehungsgeschichte der Roten Khmer, des Lebens von Pol Pot, der Herrschaft von Prinz Sihanouk, den Erfahrungen der Delegation dramatisch aufbereitet. 

Diese Mischung schafft eine Dichte, die man in einem „normalen“ Geschichtsbuch kaum finden kann. Man erfährt dadurch ein starkes Verständnis für die Hintergrunde; und es wird schwer sein, sich beim Lesen dieses Buches nicht auch emotional zu engagieren.

Ein besonderes Element des Buches ist die Gegenüberstellung zeitlich oder thematisch zusammengehöriger Ereignisse. Damit ist es leicht zu verstehen, was in Europa, in Kambodscha, in den USA geschah, wie sich die Dinge an unterschiedlichen Orten der Welt parallel entwickelten, welche Auswirkungen sie hatten. Tatsache ist, dass mit dieser Form der Aufbereitung enorm viel historisches (auch Grund-) Wissen vermittelt wird, ohne dass man dabei das Gefühl hat, von zu vielen Fakten überrollt zu werden.

Äußerst empfehlenwert in literarischer UND in historischer Hinsicht.

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