Tanja Weber: Oberland
Postbote Stifter ermittelt: Die Rache der Rentner

verfasst am 21.02.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Weber, Tanja

OberlandMan stelle sich das vor: die Betrogenen schlagen zurück. Und es gab viele Betrogene. Leute wie Du und Ich, Leute, die ihr ganzes Leben gearbeitet und gespart hatten und dann kam so ein Banker daher, versprach alles und hielt nichts. Und alle wurden betrogen, nur der Berater, der hatte seine Schäfchen im Trockenen; dachte er. Ja, so etwas passierte oft in den letzten Jahren.

Aber jetzt, jetzt ist Revanche angesagt. Wenn all die Senioren, denen man das Geld so aus der Tasche gezogen hatte, auf Rache sinnen, dann wehe dem, der ihnen dabei im Wege steht.

Dann wollen wir uns einmal einen kleinen Überblick verschaffen:

Johannes Stifter ist Postbote und sein Heimatort (erst seit kurzem) ist Lohdorf, eine kleine Ortschaft in Bayern. Seine Zustellroute, die er zumeinst auf dem Fahrrad absolviert, führt ihn durch eine ruhige Gegend. Vorwiegend ältere Menschen, viele Pensionisten dabei; schöne Eigenheime, nette, gepflegte Gärten, selten passiert etwas aufregendes. Und die Häuser samt ihren BesitzerInnen scheinen seit einer Ewigkeit hier zu stehen und werden in einer Ewigkeit sicher noch immer da sein. So solide, so gediegen, so unerschütterlich wirkt alles.

Stifter selbst ist zwar noch nicht lange im Ort, aber über die meistens seiner „Kunden“ weiß er schon ganz gut Bescheid. Glaubt Stifter.

Jedoch, und damit sind wir wieder bei der Einleitung, so wie es zu sein scheint, so ist es nicht. Es gärt und rumort und hinter den Mauern einiger Häuser verlieren die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur ihr ganzes Geld sondern als Folge davon auch alle moralischen Skrupel. Sie sinnen auf Rache und sie haben ein Opfer.

Das Buch beginnt mit sehr gefühlvollen, detailreichen Schilderungen des Ortes, der Gegend, der Menschen. Tanja Weber komponiert dabei fast mehr mit Worten als dass sie schreibt, schnell werden aus den Sätzen konkrete Bilder im Kopf. Aber: man fragt sich auf den ersten Seiten, warum denn da „Kriminalroman“ auf den Cover steht.

Schon bald (war da nicht gerade noch eine Flöte zu hören?) mischen sich andere Töne (Fagott? Kontrabass?) ein und künden vom Bösen, dass hinter den Fassaden lauert. Um sich ein Bild davon zu machen: zu Beginn schwebt man über der Szenerie, überblickt sie, bemerkt wenige Details. Dann sinkt man hinein, erkennt mehr und mehr und findet Hinweise, Kleinigkeiten und ist gefangen im und vom Geschehen.

Im Zentrum steht nicht die Schilderung der Ereignisse, sondern die Schilderung, wie die Charaktere mit diesen Ereignissen umgehen. Von den Hauptdarstellern erfährt man dabei nicht nur ihre Überlegungen, man erfährt auch über ihr Leben, ihre Vergangenheit und über ihre Vorhaben.

Und das alles in einer sehr spannenden, kurzweiligen, einnehmenden Art und (Schreib)Weise. Man lässt es sich auch gerne gefallen, wie man von der Autorin in fast hinterhältiger Weise aus einer vordergründig kleinen, netten Erzählung über ein Dorf am Lande hinüber in eine Geschichte über Verbrechen und menschliche Abgründe gezogen wird.

Das Ermittlerduo, bestehend aus Johannes Stifter und dem pensionierten Kommissar Georg Thalmeier, spielt zwar nur eine Nebenrolle, passt dabei aber vollkommen in diese scheinbare Idylle. Alles zusammen macht das diesen Roman zu einer für mich sehr positiven Überraschung – Seite für Seite wird daraus ein richtiggehender Thriller mit jeder Menge Unerwartetem.

Den ersten Roman von Tanja Weber – auch schon mit Stifter, dem Postboten – kenne ich nicht und wurde auf diesen hier erst durch eine Information des Aufbau-Verlages aufmerksam gemacht.

Fazit: es hat sich wirklich ausgezahlt „Oberland“ zu lesen; für mich sind die Autorin und dieses Buch die erste erfreuliche Neuentdeckung des Jahres 2013.


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