Emily Walton: Mein Leben ist ein Senfglas

verfasst am 12.04.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Walton, Emiliy

Emily Walton erzählt in ihrem episodenhaften Debutroman eine zartbittere Geschichte über Integration ihrer Figur ‚Poppy Simmons‘, die in Cambridge geboren, wobei der Vater Engländer und die Mutter Deutsche war, und die im Volksschulalter nach Österreich, ins Salzkammergut, verpflanzt wurde. 

Dabei wird über Entwurzelung und neue Heimat aus der Sicht einer Person erzählt, die normaler Weise in der weitläufig vorherrschenden Meinung unsereiner gar nicht als Ausländerin wahrgenommen wird (wirklich gelungen in diesem Zusammenhang ist die Passage, als der dem Alkohol zugetane Begleiter einer Jugendfreundin  die bereits in Wien studierende Poppy verwundert fragt. „Was, du bist Türkin?“, nachdem sie, auf den Ausländeranteil in ihrem Wiener Wohnbezirk angesprochen, vermeldet, sie dürfe sich ja auch als Ausländerin bezeichnen). 

Emily Walton beschreibt eine Entwurzelung, die passiert, wenn Kinder aus dem wohlbehüteten Schiff, welches sie Sonntags in dem Bett ihrer Eltern erblickt, herausgerissen wird, um ihr weiteres Leben in einem fremden Land zu erfahren. Wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich den gewohnten Mikrokosmos, bestehend aus der Großmutter,  Freunden und Sprache verlassen muss. Wie gemein Kinder dem Andersartigen oft gegenüberstehen, auch wenn sie es nicht immer böse meinen, aber der Fingerzeig auf diejenige, die nach der Schreibe spricht und die nicht dieselben Kinderfiguren kennt, ist halt da. Nicht weniger schwer wiegt die die Ignoranz, die manche Erwachsene ihr entgegenbringen. Das beginnt schon bei einer ständig unrichtigen Namensnennung (Die Bandbreite recht von Siemens bis Simpson).

Walton schreibt sehr bildlich (‚Der  Tod ist eine Möwe‘) und, was für mich, als Erwachsenem, der eher der Generation ihres Vaters verwandt wäre,  interessant war, mit einem hohen Identifikationsgrad mit der Protagonistin. Zwar gibt es ein sehr berührendes Kapitel,  beschreibend das Ableben der geliebten Großmutter in England,  so überwiegt ansonsten auf weiten Teilen des Buches  der Wort- und Sprachwitz. Auch die Auseinandersetzung mit dem Englischprofessor im Gymnasium ist, so hart es damals für die Autorin (die durchaus autobiografische Züge ihrer Hauptfigur bei der Buchpräsentation zugegeben hat) gewesen sein muss, ständig von einem besserwisserischen Lehrer übervorteilt zu werden, ein wunderbares Beispiel für die Überheblichkeit der Erwachsenenwelt heranreifenden Jugendlichen gegenüber.

Auch die Probleme, die ein native speaker (muss man das eigentlich gendern?) im Englischunterricht bekommen kann, etwa weil sie nicht sofort die passende Übersetzung findet. Die Autorin erklärt uns warum: „Meist, weil es keine passende Übersetzung gab. […] Und wie übersetzt du Kaiserschmarren? Etwa scrambled emperor?

Von der Beziehung zu ihren Eltern abgesehen, beschreibt Poppy Simmons auch durchaus intime Details ihres Privatlebens, sie erzählt von einer sommermonatelangen Liebe, die als Teenagerverwirrung zum Scheitern verurteilt war,  oder wer nach dem Sex aufsteht, um Kleenex zu holen, und dabei lernen wir, dass es Sex erst nach dem Zähneputzen gibt. Doch damit wird kein voyeuristisches Fenster aufgestoßen, es handelt sich um keine sabbernde, rein fleischliche Gier, das Herz schwingt immer mit. In den Gedanken, in den Umarmungen und auch in der Dämmerphase vor dem Einschlafen.

Den Inhalt mit ein paar Zeilen wiedergeben zu wollen ist ein ebenso sinnloses Unterfangen, wie den Titel hier zu erklären, weshalb nur die Lektüre dieses gelungenen Romans empfohlen werden kann.

Emily Walton beweist, dass Integration funktioniert.  Das stellt sie schon allein mit ihrer Sprache unter Beweis.



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