Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung

verfasst am 25.07.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Daeninckx, Didier, Kriminalromane

Zwei Jahre sind seit dem Ende des 1. Weltkrieges vergangen – noch lange nicht genug Zeit, um den Schrecken des Krieges zu vergessen, noch immer kriecht er aus jeder Pore hervor, nistet sich in jedem Gedanken ein, beherrscht die Träume jeder Nacht.

Bei all jenen, die die endlos scheinenden Schlachten an der deutsch-französischen Front mit- und überlebt haben, sind die Erinnerungen an diese Tage ein dauernder Begleiter. Renè Griffon, Privatdetektiv, ist einer, der dabei war. Nach dem Krieg versuchte er, das beste aus seiner Situation zu machen. Mit Glück war er dem Schlachten ohne körperliche Schäden entkommen und machte danach die Suche nach verschwundenen, verschollenen Ehemännern zu seinem Beruf.

Sein neuester Klient ist ein altgedienter Colonel aus dem Weltkrieg, ein Kriegsheld, einer von denen, die hoch dekoriert zurück kamen. Der Fall jedoch hat nichts mit dem Kriegsgeschehen, nichts mit verschwundenen Personen zu tun. Colonel Fantin wird erpresst, ein Unbekannter droht, den unsittlichen Lebenswandel seiner Frau ans Tageslicht zu bringen – und die lässt tatsächlich kaum ein Vergnügen aus, genehmigt sich mit ihrem reichlich vorhanden Geld mit Vorliebe ehemalige Jagdflieger.

100 Francs pro Tag (plus Spesen)  sind ein höchst willkommenes Einkommen für Griffon, der Fall selbst scheint nicht allzu kompliziert zu sein. Ein paar Stunden nur und schon hat er mehrere konkrete Ideen, wer dahinter stecken könnte. Doch kaum ist ein Tag vergangen, seit er den Auftrag übernahm, da geraten Dinge in Bewegung, mit denen er nicht rechnen konnte.

Zuerst will sich die Tochter des Colonels das Leben nehmen und Griffon findet heraus, eine Liebschaft der Mutter mit Emmanuel, dem Freund der Tochter, der Grund dafür war. Dann das Gespräch zwischen Fantin und seiner Ehefrau, in dem es, so viel kann Griffon heraus hören, um ihn und um die Nachforschung nach dem Erpresser geht. Bald stellt sich auch noch heraus, dass die Version des versuchten Selbstmordes, die der Vater serviert, nicht der Wahrheit entsprechen kann.

Schlussendlich findet er Emmanuel, der im Krieg auch noch Ordonnanz beim Colonel war, in einem Sanatorium, kaum mehr als ein Bündel Fleisch, blind, bewegungsunfähig, ein verstümmeltes Opfer des Krieges. Doch nicht ein heldenhaftes Opfer einer Schlacht an der Front mit den Deutschen, sondern ein zufälliges Opfer der Meuterei der russischen Regimenter im Dienste der französischen Armee.

Mit der Erkenntnis, dass Emmanuel kein Kriegsheld ist sondern ein Opfer in einem unrühmlichen Kapitel der Geschichte geschehen zwei Dinge: erstens wird der Fall für Griffon nun wirklich interessant und zweitens wird der Roman ab diese Moment richtig fesselnd.

Privatdetektive in den 1920er und 1930er Jahren müssen wohl eines sein: Zyniker (das steht anscheinend in jeder einschlägigen Stellenbeschreibung) – Griffon unterscheidet sich darin nur wenig von seinen (vornehmlich amerikanischen) bekannteren Berufskollegen – und sie arbeiten nicht nur für Geld, wenn sie einen Fall wirklich lösen wollen, weil er Ihnen nahe geht, dann geht es auch ohne Honorar und Spesen.

Genau an diesem Punkt ist Griffon bald, denn er wird von seinem Auftragsgeber zurück gepfiffen. Es hätte sich alles geklärt, doch Griffon weiss, dass gar nichts geklärt ist und er kennt auch schon den Ort, an dem sich der nächste Akt der Erpressung abspielen wird.  Ab jetzt wird auf  eigene Faust weiter ermittelt.

Noch wirkungsvoller und ein einprägsamer als die spannende Handlung ist die Schilderung der Zeit: es ist das Paris der Vergessenen des Krieges, das Paris der industriellen Bezirke, in denen sich Dreck und Elend türmen, in dem Griffon und manchmal auch seinen Freundin und Sekretärin Irene herum waten müssen. Und es ist die Zeit der ruhmreichen Krieghelden und der Anarchisten, der Hehler und der Betrüger.

Didier Daeninckx wurde erst viel später geboren, doch er beschreibt das Jahr 1920 so, als ob er dabei gewesen wäre. Dabei meine ich weniger die Fakten, die Orte, die Strassen sondern das Gefühl, das beim Lesen bei mir entstand:  so kann doch eigentlich nur jemand darüber schreiben, der alles das genau kennt, der es selbst erlebt hat. Ohne Pathos, dafür mit knappen aber prägenden Sätzen lässt er Griffon diese Welt schildern, in der er lebt. Immer wieder unterbrochen durch kurze Momente der Rückerinnerung an den Krieg, an das millionenfache Abschlachten in den Schützengräben. Trotzdem ist es keine Anklage, keine Abrechnung, es reicht dem Autor einfach, darüber zu schreiben und man versteht beim Lesen das Elend und die Zerrissenheit dieser Zeit (und ist froh in einer anderen zu leben).

Über ein bei uns wenig bekanntes Kapitel des 1. Weltkrieges: 
das Expeditionskorps der Russischen Armee in Frankreich

PS: 1984 in Frankreich veröffentlicht benötigte dieser Roman 27 Jahre bis zur Übersetzung ins Deutsche (ins Englische geschah das schon im Jahr 1984) – für mich völlig unverständlich dass es so lange gedauert hat.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Andreas am 04.08.2011 um 11:18 Uhr Uhr

    Ein wenig fallen unsere Buchbesprechungen auf. Jetzt hat arte.tv, im Rahmen der Krimi-Bestenliste August 2011, auch einen Hinweis auf diese Seite eingebaut …. Nett!!

    www.arte.tv/

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