Black, Benjamin: Der silberne Schwan

verfasst am 22.06.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Black, Benjamin, Kriminalromane

Zuerst ist es nur die eigenartige Bitte eines ehemaligen Studienkollegen: er solle die Leiche seiner toten Frau doch bitte nicht obduzieren, er, der Ehemann, könne den Gedanken daran nicht ertragen.

Ein ganz und gar nicht alltäglicher Wunsch, der da an den Pathologen Quirke heran getragen wird. Billy Hunt, der Ehemann, war damals an der Universität sicher nicht das, was man einen Freund nennen könnte und auch jetzt bei ihrem Treffen stellt sich kein freundschaftliches Gefühl ein. Vielmehr ein Gefühl, dass es da irgendwo etwas Vorborgenes, Verheimlichtes gäbe. Etwas, das mehr ist, als nur dieser Wunsch, die Autopsie zu unterlassen, etwas, das vielleicht ein gänzlich anderes Licht auf die Sache werfen könnte. Denn vorerst gehen alle – die Polizei, Quirke und auch Hunt von einem Selbstmord aus.

Doch Quirkes Neugierde ist nun erst recht geweckt. Bei der Leiche findet er dann einiges, das ihn an der Selbstmord-Theorie zweifeln lässt: ein Einstich im Arm, eine tödliche Dosis Morphium im Blut und weder Wasser noch Schlamm in der Lunge – Ertrinken ist also ausgeschlossen, die junge Frau war schon tot, als sie ins Wasser geworfen wurde. Vielmehr legen diese Fakten einen gewaltsamen Tod nahe.

Obwohl nun selbst nicht mehr davon überzeugt, es hier mit einem Selbstmord zu tun zu haben, kommt Quirke dem Wunsch Hunts nach und liefert vor dem Coroner seine Aussage ab, mit der die Angelegenheit als Unfall mit Tod durch Ertrinken abgeschlossen wird.  Damit könnte auch schon alles erledigt sein.

Könnte, denn Quirks eigene Tochter Phoebe bringt, ungewollt und ahnungslos, diese Geschichte vom einfachen Selbstmord noch mehr ins Wanken. Hinter dem Tod von Hunts Frau Deirdre, die sich im Berufsleben Laura Swan nannte und einen Kosmetiksalon namens „Silver Swan“ betrieb, scheint doch weit mehr zu stecken. Quirke forscht weiter nach, ebenso wie Inspektor Hackett, dem Quirkes Aussagen mehr als seltsam vorgekommen waren, und auch Phoebe gerät mitten hinein.

Zeit der Handlung sind die 1950er Jahr, der Ort ist Dublin und der Farbfilm ist längst erfunden. Doch in diesem Buch sind die Farben verblasst, es erscheint mir vielmehr fast schwarz/weiß, so wie eine dunkle Gasse mit nassem Kopfsteinpflaster, ein Lichtschein fällt seitlich heran, man hört schlurfende Schritte, ein Schatten wird immer größer, etwas kommt von der Seite her ins Bild, dann ein Schrei, jemand läuft schnell weg, Stille.  So ein Krimi-Klassiker aus den 1930ern eben. Vermischt mit einigen unangenehmen Erscheinungen einer Stadt in der Mitte des 20. Jahrhunderts: Schmutz, schlechte Gerüche, Tristesse. Und Zigaretten. Dauernd wird geraucht, wird jemandem eine Zigarette angeboten, so oft, dass es quasi zum Dauerbrenner wird..

Keine Ahnung, warum ich dieses Bild vor Augen hatte, es entstand einfach beim Lesen.

Mit hohem sprachlichem Können ist der Autor an der Arbeit. Das verschafft dem Buch einen interessanten, viel versprechenden Beginn. Dann aber wird es zunehmend langatmig, lässt Spannung schmerzlich vermissen und so das überraschende Ende unter gehen in einem Meer aus Sätzen.

Mein Fazit: als ein Roman, der sich mit den Menschen Dublins und mit ihrem Lebensumständen zu jener Zeit befasst, interessant, vielleicht sogar lesenswert, aber nicht ohne eine gehörige Portion Geduld und Durchhaltewillen zu schaffen. Als ein Krimi, in dem es um die Aufklärung eines Verbrechens gehen sollte, unterdurchschnittlich, langatmig und wenig fesselnd.

Insgesamt hätten einige Seiten weniger nicht geschadet, ich denke da so in etwa an 200 statt 400.



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