Didier Decoin: Der Tod der Kitty Genovese

verfasst am 06.05.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Decoin, Didier, Kriminalromane

Es handelt von einem Kriminalfall, einem realen Verbrechen aus dem Jahr 1964, einem Mord in New York. Was ist so speziell, so berichtenswert an einem einzelnen Mord, wenn doch im selben Jahr tausende im Land geschahen? Es ist die Verwicklung so vieler Unbeteiligter, die durch die Umstände zu Beteiligten wurden!

Für die Ermordung von Kitty Genovese gab es  zumindest 38 Augen- und Ohrenzeugen. 38 Menschen, die mehr als eine halbe Stunde lang zusahen oder zuhörten, wie ihr Mörder sie zuerst niederstach, sie vergewaltigte, wieder und wieder auf sie einstach und sie schließlich tötete. 38 Menschen sahen zu und hörten ihre Hilfeschreie, doch keiner half, ja nicht einmal die Polizei wurde gerufen, erst nachdem es bereits viel zu spät war.

Die Polizei ist in der Lage, den Tathergang bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren. 38 Paar Augen und Ohren hatten alles miterlebt und konnten genau Auskunft geben. Das ist selbst für die abgebrühte New Yorker Polizei zu viel. Deren Chef schüttet sein Herz dem befreundeten Lokalchef der New York Times aus, der, zwei Wochen nach der Tat, diesen einen Mord unter vielen aus der Anonymität zerrt und seinen besten Reporter an den Fall ansetzt.

Nun, kaum dass der erste Artikel erschienen ist, geht ein Aufschrei der Empörung durch die Stadt. Zeitungen und Fernsehsender belagern den Ort des Verbrechens und machen sich auf die Suche nach den 38 Zeugen.

Während sich die öffentliche Empörung über das Land verbreitet wird der Mörder gefasst. Es sind nicht Spuren oder Hinweise, die die Polizei zu ihm führen, es ist reiner Zufall, dass Winston Moseley bei einem Einbruch überrascht wird. Danach gesteht er nicht nur eine Vielzahl von Einbrüchen sondern auch die Vergewaltigung und den Mord an Kitty Genovese.

Das Buch ist ein literarische Doku-Drama. Eine fast beschauliche Erzählung der Geschehnisse von den Tagen nach der Tat bis zur Gerichtsverhandlung,  den Aussagen der Zeugen und des Täters und zur Urteilsverkündung.

Die reinen Tatsachen, auch wenn dabei wahrscheinlich die grausamsten Details aus dem Verhandlungsprotokoll gar nicht Eingang in dieses Buch fanden, sind eine Niederschrift des Grauens, des Entsetzens und des Unglaubens. Wie kann ein Mensch eine derartige Tat begehen.

Doch viel wichtiger: wie können so viele Menschen so wenig tun. Denn das ist etwas, was letztendlich jede/n von uns betreffen kann.

Diese kollektive Handlungs-Unfähigkeit wurde in Folge dieser Geschehnisse wissenschaftlich untersucht und hielt unter dem Titel „Genovese-Sydrom“ bzw. „Bystander-Effekt“ Einzug in die Verhaltensforschung. Ein  Effekt, dem wir alle unterliegen könnten – wiewohl wir es selbst in der Hand haben, im Fall des Falles  keine/r dieser Untätigen zu werden.

Es ist ein erschütterndes Protokoll, dem Didier Decoin einen Rahmen gibt, der alles noch weiter verstärkt.

Bei mir hat es ein Gefühl der Mitschuld hinterlassen – als wäre ich damals einer dieser Zeugen gewesen und wäre nicht zu Hilfe gekommen.  Und es hat bei mir den Vorsatz hinterlassen, nicht darauf zu warten, dass andere einschreiten mögen, sondern selbst aktiv zu werden, wenn Hilfe benötigt wird.

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