Franzen, Jonathan: Die Korrekturen

verfasst am 03.02.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Franzen, Jonathan, Romane

Mehr als drei Millionen Mal ging dieses Buch bereits über die Verkaufspulte der Buchhandlungen oder durch die Auslieferungsstellen der Internetanbieter und machte aus Jonathan Franzen schlagartig einen literarischen Weltstar. Vor dem Erscheinen seines neuen Bestsellers „Freiheit“ im vergangenen Jahr zierte sein Konterfei gar die Titelseite des Time-Magazins und auch Präsident Obama war hellauf begeistert.

Der Autor entwarf mit den Korrekturen einen großen Familienroman im Stile des 19. Jahrhunderts, eine Chronik des amerikanischen Mittelstands von epischer Breite und beinahe undurchdringlicher Tiefe.

Franzen erzählt die (erschütternde) Geschichte der Familie Lambert aus St. Jude im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, jenem Landstrich, der als der bible belt bezeichnet wird, also aus dem Gravitationszentrum der Familie schlechthin. Dort leben die Eltern Enid und Alfred Lambert. Ihre Kinder Denise, Gary und Chip haben längst das Elternhaus mit seinen rigiden Moralvorstellungen verlassen und sind an die liberalere Ostküste gezogen, sozusagen als Korrektur der konservativen Wurzeln.

Im Zentrum des Buches steht Vater Alfred, ein pensionierter Eisenbahningenieur der Midland Pacific und zeitlebens ein Tyrann, pedantisch, bigott, engstirnig, ultrakonservativ, zunehmend an Alzheimer und der Parkinson-Krankheit leidend. Bereits der gesunde Alfred Lambert war eine Plage, aber der kranke Al ist schlicht, vor allem für seine Frau, unerträglich.

Enids großer Wunsch ist es, noch einmal gemeinsam mit allen Kindern und Enkelkindern Weihnachten zu Hause in St. Jude zu feiern. Die Erfüllung ihres Wunsches gestaltet sich allerdings schwierig, da Garys Frau Caroline die konservative Enid nicht ausstehen kann und keinesfalls mit den drei Söhnen und ihrem zum Alkohol neigenden Ehegatten das Fest bei den Schwiegereltern verbringen möchte.

Chip wiederum hat sich, nach einer gescheiterten Liebe mit einer Studentin, die ihm seine Stellung, einen Lehrstuhl an der Universität kostet, nach Litauen abgesetzt, um dort als Internetbetrüger Karriere zu machen und gerät dabei in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen – der ehemalige Ostblock ist gerade im Begriff ebenfalls eine Korrektur vorzunehmen.

Und auch das Leben von Denise, einer gefeierten Starköchin, ist völlig aus den Fugen geraten, nachdem sie sich auf eine Affäre mit dem Restaurantbesitzer und dem nicht genug, auch noch mit dessen Frau eingelassen hat und gekündigt wurde.

Jonathan Franzen lässt seinen fünf Protagonisten und den zahllosen Nebenfiguren ein ausgesprochenes Übermaß an Aufmerksamkeit und Zuneigung angedeihen und dies ist gleichzeitig Pluspunkt und Manko dieses Wälzers von knapp 800 Seiten.

Durch den Detailreichtum, der die Lamberts richtig greifbar macht, lassen „die Korrekturen“ wenig Raum für die Fantasie des Lesers. Zu genau werden die Personen und ihre jeweiligen Umgebungen beschrieben, zu fokkusiert der Lichtstrahl in die dunklen Abgründe gerichtet.

Besonders berührend und beklemmend sind die Schilderungen der Parkinsonerkrankung von Alfred und der langsame Kontrollverlust über seine Umwelt uns schließlich auch über sich selbst.

„Dann begann er einen Satz: ,Ich habe -‚, doch wenn er überrumpelt wurde, war jeder Satz ein Abenteuer im Wald, und sobald er die Lichtung, an der er den Wald betreten hatte, nicht mehr sah, bemerkte er, dass die Brotkrumen, die er zu seiner Orientierung hatte fallen lassen, von Vögeln aufgepickt worden waren, leisen, flinken, pfeilgeschwinden Dingern, die er in der Dunkelheit nicht recht ausmachen konnte, obwohl sie ihn in ihrem Hunger so zahlreich umschwärmten, dass es schien, als wären sie die Dunkelheit, als wäre die Dunkelheit nicht gleichförmig, keine Abwesenheit von Licht, sondern etwas Wimmelndes . . .“

Jonathan Franzens allwissender Erzähler lässt keinen Winkel der Seele seiner Protagonisten, keine Verästelung der persönlichen Beziehungen unausgeleuchtet, berichtet mal komisch, mal brutal, dann wieder zynisch oder mit zärtlichem Unterton.

Gentechnik, Aktienboom, Internetrevolution, Zusammenbruch der sozialistischen Systeme und Entfesselung des Kapitalismus, jene Themen, die das Leben in den 1990-ern, der sogenannten Ära von Bill Clinton bestimmten, werden penibel thematisiert und auf ihre Auswirkungen hin untersucht. Es ist das Zeitalter des „Anything goes-Prinzips“ und man hat bei der Lektüre stets das Gefühl, das auch hier eine Korrektur unmittelbar bevorsteht.

Nun ja, durch die Weltwirtschaftskrise ist diese Änderung tatsächlich eingetreten, aber ob sie weitreichend genug vorgenommen wurde, das lässt sich allerdings stark bezweifeln.

Eigentlich ist es wieder so, wie es schon früher war.

„Die Korrekturen“ sind ein düsteres, komplex konstruiertes, hervorragend geschriebenes Buch und gehört zweifelsohne zu den bedeutenden zeitgenössischen Werken.

Mein Tipp daher: einfach lesen!



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