Rachman, Tom: Die Unperfekten

verfasst am 16.10.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Rachman, Tom, Romane

»Dieser Roman von Tom Rachman ist so gut, dass ich ihn zweimal lesen musste – einfach, um zu begreifen, wie er das hingekriegt hat, wie einer, der gerade mal fünfunddreißig ist, ein derartiges Gespür für Menschen und ihre Schwächen haben kann.« Derart euphorisch reagierte ein Literaturredakteur der New York Times nach der Lektüre von „Die Unperfekten“ und dies steigerte natürlich meine Spannung.Mit großen Erwartungen stürzte ich mich in die knapp 400 Seiten.

Und obwohl ich das Buch nur ein einziges Mal (bisher wohlgemerkt) gelesen habe, wurde auch ich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, es ist ein richtig guter Roman! Der Autor erzählt die Geschichte einer namenlosen internationalen Tageszeitung in Rom, von der Gründung in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts bis zu ihrer Einstellung im Jahr 2007.

Vor allem aber erzählt er aus dem Berufs- und Privatleben jener Personen, die die Geschicke des Blattes geprägt haben und von den Abläufen des Zeitungmachens (mein ehemaliger Publizistikprofessor Wolfgang R. Langenbucher würde Routinen sagen), von Eitelkeiten, von Abgründen und von der Sprachlosigkeit in der Kommunikationsbranche.

Der ambitionslose Verleger, die karrierebewusste Chefredakteurin, die sparstiftige Finanzchefin, die Korrespondenten bis hin zur treuesten Leserin, alle bekommen ein eigenes Kapitel, die man/frau auch als eigenständige Kurzgeschichten lesen kann.

Da ist beispielsweise Arthur Gopal, der die Karriereleiter festen Schrittes bis an ihr unteres Ende durchstiegen und nun für die Nachrufe in der Zeitung zuständig ist. „Wenn Arthur den Dienst antritt, sackt er auf den rollenden Drehstuhl und sitzt erst mal da. Und zwar so lange, bis Trägheit und der Fortbestand seines Angestelltendaseins nicht länger vereinbar sind. Niemand gestorben. Beziehungsweise doch, 107 Menschen in den letzten Minuten, 154 000 in den letzten vierundzwanzig 24 Stunden und 1 078 000 in der letzten Woche. Aber niemand von Bedeutung.“ Nach dem tragischen Tod seiner achtjährigen Tochter ändert er jedoch seine Arbeitseinstellung grundlegend und steigt zum Leiter des Kulturressorts auf.

Oder Hardy Benjamin, Reporterin für Wirtschaft und Finanzen, Telefon und Ohr durch den Beruf bereits verwachsen: „Gegen Mitte des Nachmittags hatte sie knapp hundert Zeilen zusammen, nicht sehr viel mehr, als sie seit gestern an Kalorien zu sich genommen hat. Hardy ist auf Dauerdiät, etwa seit sie zwölf ist. Inzwischen ist sie sechsunddreißig und träumt immer noch von Spritzgebäck.“

Grenzgenial der Abschnitt „Das Sexleben islamischer Extremisten“ über den Möchtegern-Auslandskorrespondent Winston Cheung, der sich um eine Korrespondentenstelle in Kairo bewirbt. Dabei trifft er aber unglücklicherweise auf den Kriegsberichterstatter Rich Snyder, einen Egomanen reinsten Wassers, auf der Jagd nach einer Story, die ihm den Pulitzerpreis einbringen soll. Beim Lesen hatte ich immer die österreichische Kriegsreporterlegende („Unser Mann in Bagdad, Fritz bitte melden!“) Friedrich „Fritz“ Orter vor Augen. Nach dieser einschneidenden Begegnung ändert Winston seinen Berufswunsch radikal und wird lieber „Tierpfleger in einem Heim für exotische Tiere in Minnesota.“

Berührend die Geschichte von Ornella de Monterecchi, einer älteren Dame und langjährigen Abonnentin, die die Zeitung Zeile für Zeile, vom Anfang bis zum Schluss, also wie ein Buch liest. Momentan befindet sie sich im Jahr 1974, die Berliner Mauer existiert noch und auch die Zwillingstürme des World Trade Center ragen noch in den Himmel von New York. Da eine Ausgabe von einem für sie bedeutsamen Datum fehlt, begibt sie sich in die Redaktion, um sie nachzukaufen, betritt allerdings nicht den Newsroom, weil „wer seinen Appetit auf Würstchen behalten will, soll keine Wurstfabrik besuchen.“

Wie die einzelnen Ressorts einer Tageszeitung greifen im Roman die einzelnen Kapitel ineinander und ergeben ein stimmiges, vielschichtiges Werk mit präziser Figurenzeichnung. „Die Unperfekten“ könnte auch als Nachruf zu Lebzeiten auf die Tageszeitungsbranche verstanden werden, die durch die Entwicklung der „Neuen Medien“ und in den letzten Jahren auch durch die Weltwirtschaftskrise stark in die Defensive geraten ist. Erschwerend kommen die sinkende Lesefähigkeit und der mancherorts fehlende Lesewillen hinzu.

Tom Rachmann war selbst sieben Jahre praktizierender Journalist bei der Nachrichtenagentur AP und der „International Herald Tribune“ bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte. Keine üble Entscheidung, wenn man seinen Erstling betrachtet. Da kann ich nur eines sagen: nur weiter so mein Junge!


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