Jones, J. Sydney: Das Haus der Spiegel

Wien 1898. Eine Mordserie erschüttert die Stadt. Der Täter lässt seine Opfer, die er scheinbar wahllos umbringt, zunächst verschwinden und deponiert die ausgebluteten Leichen mit abgetrennter Nase im Prater. Dies deutet in Richtung jüdischer Ritualmorde. Als ein Modell Klimts ermordet wird, gerät der als kauzig dargestellte Maler in Verdacht und wird verhaftet.

Sein Anwalt Werthen, jüdischer Abstammung, assimiliert und begütert, macht sich mit dem bekannten Kriminalpsychologen, Dr. Hans Gross, daran, des Malers Unschuld zu beweisen. Da Dr. Gross auch eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gerichtsmedizin ist, entdeckt er bald eine Spur, die von der Polizei bei ihren bisherigen Ermittlungen nicht entdeckt wurde. Mit dem Mord an einer weiteren Person wird Klimt, der zur Tatzeit in der Zelle sitzt, entlastet. Als dann der Hauptverdächtige Selbstmord begeht, wird die polizeiliche Untersuchung eingestellt, die zwei Privatermittler stoßen aber auf eine viel weitreichendere Verschwörung.

Im zweiten Teil des Buches wird dann Sisi ermordet, die Affäre Mayerling nochmals aufgerollt, und ja, eine Liebesgeschichte gibt es dann auch noch. Der Schuldige wird seiner Bestrafung zugeführt, wobei man nicht weiß, ob an allem nicht doch Franz Josef, der grantelnde Kaiser, schuld ist. (Wer sonst?)

Und das führt schon zu meinem wesentlichen Kritikpunkt: Muss denn ein historischer Kriminalroman sämtliche historisch belegten Persönlichkeiten dieser Epoche unbedingt in die Handlung einbinden? Gustav Klimt kennen wahrscheinlich sogar diejenigen Amerikaner, die sich nicht unbedingt für die Fin des Siecle Gesellschaft der österr. Doppelmonarchie interessieren. Aber ihn deswegen gleich zum Akteur machen? Und dessen Arzt war natürlich Sigmund Freud. Dann noch Sisi, der Kaiser, alle Kronprinzen usw.

Es war dem Autor offenbar nicht genug, diese Personen bei passender Gelegenheit zu erwähnen, nein, sie mussten gleich als Hauptfiguren verpflichtet werden. Und das ist das typisch amerikanische an diesem Buch. Alles wird sehr dick aufgetragen, was davon ablenkt, dass der Autor, was den Stand der damaligen Ermittlungstechnik anlangt, ausgezeichnet recherchiert hat, und auch eine über lange Strecken wirklich spannende Handlung entwickeln konnte, wobei dann für mich der zweite Teil, als es in die Hocharistokratie ging, die ganze Geschichte um die Ermordung der Kaiserin ein wenig wie eine Nacherzählung des Elisabeth Musicals wirkte. J. Sydney Jones hat laut seiner Biografie mehrere Jahre in Wien gelebt (hier auch studiert) und einige Bücher über Wien geschrieben.

Ob er mit diesem Krimi der Stadt einen guten Dienst erwiesen hat, muss ich ein wenig anzweifeln. Es wird wohl so sein, dass der Roman in Amerika ein Erfolg war, sonst hätte wahrscheinlich der ehemals renommierte Aufbau Verlag nicht zu den Lizenzrechten gegriffen. Aber echte Wiener Stimmung kommt nicht so recht auf, was sicher auch am deutschen Lektorat liegt. Der In Deutschland völlig korrekte Begriff der Rechtsmedizin heißt in Wien seit jeher Gerichtsmedizin, was, wenn diese wie hier eine Schlüsselrolle spielt, doch beachtet werden sollte. In Wien wird zum Tafelspitz entweder Semmel- oder Apfelkren serviert, aber sicher kein Meerrettich, und der Heurige beschränkt sich nicht auf eine „Weinstube in Sievering“.

Was hier keinesfalls gelingt, ist der Blick in die Vielschichtigkeit Wiens, der Einblick in das Geheimnis der Wiener Seele, wie das zB. meisterhaft in den Romanen Pittlers vorgeführt wird. Während Pittler gleich einem Neurologen die Nervenbahnen Wiens und seiner Bevölkerung offenlegt, werden hier bestenfalls pathologisch sezierte Stereotypen geschaffen.

Die Habsburger als inzestiöse, degenerierte Syphilitiker und ähnliches. Auch die Küche ist wichtig, weil man eben in Wien gut isst, seit jeher. Aber wer sich für die echten Schmankerl der Monarchie unter Franz Joseph interessiert, dem seien die „Naschmarktmorde“ von Gerhard Loibelsberger wärmstens empfohlen. Die machen nämlich Gusto auf mehr.


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