Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin
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Buchbesprechung verfasst von: Luis
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Wir sind im 17. Jahrhundert. Über Mürzzuschlag kommt die 15-jährige, Margarita Teresa aus Spanien, mit ihrem Tross nach Schottwien. Der Kaiser erwartet sie. Schön ist er nicht, denkt sie.
Im unteren Werd, dem Judenviertel, auf der anderen Seite des Donau-Arms in Wien, wurden 1670 und 1671 auf Befehl des Kaisers Leopold I die Juden vertrieben (die Ehefrau, Nichte und Kaiserin Margarita Teresa aus Spanien drängt den Kaiser dazu). Zum Gedenken daran heißt der Bezirk immer noch Leopolstadt.
Von der wulstigen, Habsburger Unterlippe des Kaisers (Brotox wird es noch nicht gegeben haben), mussten zwei Pagen ständig die Speichelfäden aus seinen Mundwinkeln wischen. Ob dies auch notwendig war, wenn der Kaiser der Kaiserin beiwohnte, wissen wir nicht. Trotz heftigem Bemühen seinerseits, konnte ihm seine „Gretl“, wie er sie nannte, keinen Thronfolger gebären. Sie nannte ihn Onkel.
Jedenfalls hat der Autor, Vladimir Vertlieb, gründlich recherchiert. Das Ergebnis zeigt ein erschütterndes Bild des Habsburger Kaiserhauses. Die abwegigen Beschimpfungen von Juden könnten gut und gerne Adolf Hitler und seinen Schergen als Anleitung gedient haben.
Die Nachwirkungen des Dreißig-jährigen Krieges sind beinahe überall in Europa zu spüren. Der Feldscher, Pedro Esteban de Rojas, wird mit seinen heilenden Fähigkeiten bereits in Madrid Leibarzt der Infanta, kommt im Gefolge der jungen Kaiserin nach Wien und spielt eine wichtige Rolle, bis zum Tod der jungen Kaiserin und darüber hinaus. Sie stirbt mit einundzwanzig. Pedro ist ein Converso, der sich als Jude fühlt und geheim jüdische Rituale zelebriert, aber nach außen als Christ lebt. Über sein religiöses Doppelleben hält die Kaiserin ihre schützende Hand. Esther aus dem unteren Werd ist ebenfalls Jüdin und wird trotz heftigem Antisemitismus von Margarita Teresa, sie hasst die Juden, deren Hebamme. Pedro hat es möglich gemacht. Auch Esther kann der Kaiserin keinen Thronfolger entbinden und flieht mit Hilfe Pedros aus Wien, um den Henkern der Habsburger zu entkommen. Nach dem Tod der Kaiserin will auch er zu Esther reisen. Als Paar landen sie in Saloniki.
Die enge Verbindung zwischen dem Habsburger Herrscherhaus und der katholischen Kirche zeigt Vladimir Vertlib anhand einiger grauenvoller Missbrauchsfälle von Mönchen auf. Pedro, der nach heutiger Einschätzung als „Womanizer“ bezeichnet werden kann, nimmt an einem der schlimmsten Missbrauchstäter an Buben, dem Beichtvater der Kaiserin, direkte Rache. Sein Hund Ssutschka, mit dem er auch Dialoge führt, sorgt dafür, dass dieser Mönch nie mehr Buben missbrauchen wird.
Ich habe den historischen Roman, mit vielen indirekten Aussagen zur Gegenwart, mit Freude und Spannung gelesen. An wenigen Stellen war mein Verstsändnis überfordert, weil die Übersetzungen der hebräischen Bezeichnungen zu jüdischen Bräuchen und Gegenständen fehlten.
Ich empfehle den Roman sehr. Historische Realitäten, mit ergänzenden Episoden und spannenden, nur scheinbaren Nebenerzählungen, bereichern das Leseerlebnis. Unmoral und Herrschbegierde der Habsburger und der Katholischen Kirchen zeigen sich auch in der Einschätzung der Hofdamen und Höflinge von Frauen. Ich zitiere abschließend:
„Wenn ein Weib seinem Gatten keinen Knaben zu schenken vermag, dann sei das ihre Schuld, … Sie bete zu wenig, sei zum Zeitpunkt der Empfängnis nicht offen und hingebungsvoll genug, habe nicht genug innere Kraft, damit ein Knabe in ihr heranwächst.“
(Seite 382)