Seishi Yokomizo: Die Teufelsflöte von Tokio
Kosuke Kindaichi ermittelt (6)
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Was diesen Kriminalfall so brisant macht, ist das, was einige Zeit zuvor geschah: Ein Juwelier wurde überfallen. Der Täter begnügte sich aber nicht damit, die schon wehrlosen Angestellten zu fesseln – er verabreichte ihnen Gift und zehn unschuldige Menschen starben. Ein grausames Verbrechen, bei dem der Täter mit einer nur relativ geringen Beute unerkannt entkam.
Als Kosuke Kindaichi gebeten wird zu klären, ob der kürzlich verstorbene Vicomte Hidesuke Tsubaki nicht doch noch am Leben sei, gibt es für ihn keinen Grund anzunehmen, dass dieses alte Verbrechen, das ganz Japan entsetzt hatte, irgendetwas damit zu tun haben könnte.
Der vermeintlich tote Tsubaki taucht auf – jedenfalls meinen einige Mitglieder seiner Familie, dass nur er der Mann gewesen sein könne, den sie kurz gesehen hatten. Als Kosuke zusagt, den Fall zu übernehmen, weiß er noch nicht, dass Hidesuke Tsubaki in Verdacht geraten war, der skrupellose Täter zu sein. Seine Ähnlichkeit mit dem Juwelierräuber sei verblüffend gewesen.
Dem angeblichen Selbstmord von Hidesuke Tsubaki folgt eine Reihe weiterer Verbrechen, denen Mitglieder der Familie zum Opfer fallen. Die Morde hängen unzweifelhaft zusammen, doch die Frage nach dem Motiv bleibt selbst dem Detektiv verborgen.
Zwar nähert sich Kosuke Kindaichi immer mehr der Auflösung, ich habe aber bis kurz vor Schluss keine Idee, wie diese aussehen wird. Am Ende stellt sich heraus, dass sehr viele Hinweise schon da waren, die genau dorthin führen – wenn man beim Lesen nur wüsste, welche das sind.
Die detailreich beschriebene Szenerie ist typisch Seishi Yokomizo: ein ausgedehntes Anwesen im Besitz einer Familie aus der Oberschicht. Dort leben die Mitglieder mehrerer miteinander verbundener Familien. Die Bösen, die Guten, die Schönen und die Hässlichen. Und natürlich ein Detektiv, dem zunächst niemand zutraut, der beste im Lande zu sein. Kein Wunder, tritt er doch eher wie eine Art Landstreicher auf als wie eine japanische Version von Hercule Poirot.
Wie immer bei Romanen von Seishi Yokomizo findet sich am Beginn ein Personenregister und am Ende ein Glossar. Beides ist überaus hilfreich – wenn nicht unverzichtbar –, um zwischen all diesen japanischen Namen und Begriffen die Orientierung zu behalten. Denn davon gibt es in beinahe jedem Satz das eine oder das andere oder beides zu lesen.
Sein Alter merkt man diesem Roman an. Die oftmals recht umständliche Sprache, die verstaubt wirkende Gesellschaftsstruktur samt dem überaus antiquierten Rollenbild von Frauen und Männern, in dem Frauen anscheinend immer nach „schön“, „weniger schön“ und „hässlich“ eingeordnet werden müssen, fallen mir in diesem sechsten Roman der Reihe um Kosuke Kindaichi besonders auf.
Zugleich ist Die Teufelsflöte von Tokio für Leserinnen und Leser in den westlichen Breiten ein aufschlussreicher Roman über die Umwälzungen in der japanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Das mag ein wenig vergleichbar sein mit der Zeit nach dem Ende der Monarchie bei uns, als der Adel seine Privilegien verlor.
Alles zusammengenommen habe ich einige Kapitel gebraucht, um wirklich in die Handlung hineinzufinden. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Abschweifungen, manches wird viel ausführlicher beschrieben, als es für die Geschichte notwendig wäre. Ein paar Kürzungen hätten der Spannung sicher gutgetan.
Das trifft auch auf das Finale zu. Ist schon die Geschichte selbst äußerst verwinkelt konstruiert, gilt das für die Auflösung mindestens genauso. Allein die Erklärung, wie am Ende alles miteinander zusammenhängt, nimmt rund zwanzig Seiten ein – und trägt beinahe noch mehr zur Verwirrung bei.
Ob dabei tatsächlich jede offene Frage beantwortet wird, vermag ich gar nicht zu sagen. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir schlicht die Geduld fehlte, jede Zeile, jeden Namen und jedes Verwandtschaftsverhältnis noch einmal auf Punkt und Beistrich genau nachzuvollziehen. Was bei einem klassischen Rätselkrimi eigentlich der befriedigende Moment sein sollte, in dem alle Teile endlich an ihren Platz fallen, wird hier beinahe zu einem zusätzlichen Rätsel.
Zusammengefasst:
Dieser sechste auf Deutsch erschienene Krimi mit Detektiv Kosuke Kindaichi reicht für mich nicht an die bisher erschienenen fünf Romane heran. Zu stark konstruiert, zu viele Namen, zu viele Verbindungen und eine zu umständliche Handlung samt ebenso umständlicher Auflösung.
Interessant bleibt der Roman vor allem als Blick auf das Japan der unmittelbaren Nachkriegszeit und als weiteres Beispiel für Yokomizos ganz eigene Form des klassischen Rätselkrimis. Als Kriminalgeschichte selbst hat er mich diesmal aber weniger überzeugt.