Lucy Foley, Agatha Christie: Mord im Grand Alpine Hotel
Autorin/Autor:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Miss Marple und ihre Freundin Mrs Bantry in einem Nobelhotel weit oben in den Schweizer Bergen. Ein paar Tage im Schnee, in gemütlicher Atmosphäre – das ist für die beiden Ladys ganz sicher eine neue und interessante Erfahrung.
Weil das Buch mit einem Toten beginnt, der in der Gondel einer Seilbahn gefunden wird, weiß man zwar schon von einem Mord – wahrscheinlich jedenfalls, denn es ist ja ein „neuer Fall für Miss Marple“ –, aber wer das Opfer ist, bleibt lange Zeit unbekannt. Denn kaum ist der Tote gefunden, wechselt die Handlung zwei Tage in die Vergangenheit, zurück zu jenem Tag, an dem viele der Gäste anreisten, darunter Miss Marple, Mrs Bantry und deren Gesellschafterin Diana Glass.
Die Szenerie erinnert ein wenig an die in den 1980er-Jahren so beliebten TV-Serien, in denen ganz unterschiedliche Menschen an einem Ort der Erholung zusammentrafen: „Hotel„, „Love Boat„, „Fantasy Island“ oder natürlich „Das Traumschiff„. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit – und man kann ziemlich sicher sein, dass diese Geschichten irgendwann miteinander zu tun bekommen.
Alle Gäste reisen mit der Zahnradbahn zum Grand Alpine Hotel an. Nur diesen Weg gibt es im Winter hinauf zum Hotel, und als geübter Leser von Whodunit-Krimis weiß ich natürlich gleich, dass genau dieses Nadelöhr irgendwann im Laufe der Handlung noch von Bedeutung sein könnte. Viele Menschen oben am Berg, vielleicht irgendwann von der Außenwelt abgeschnitten – und dann auch noch ein Mörder unter ihnen?
Mit dieser Erwartung lese ich voran und lerne in den ersten Kapiteln einige weitere Gäste kennen. Darunter den aufstrebenden englischen Politiker Anthony Narracott mit seiner jungen Ehefrau Catherine, die Hollywooddiva Sylvia Sinclair mit ihrem furchteinflößenden Wolfshund, Bruno Crane, einen Freund Narracotts, der so gar nicht in das Ambiente des Hotels passt, und Prinz Gustav, ebenfalls mit Hund im Gefolge. Und noch ein paar andere, die im Laufe der Handlung wichtiger werden.
In kurzen Kapiteln, jeweils nur über ein paar Seiten, erzählen abwechselnd vier Figuren aus der Ich-Perspektive: Diana Glass, Catherine Narracott, Sylvia Sinclair und Bruno Crane. Dadurch wechselt nicht nur ständig der Blickwinkel, man erfährt auch immer nur das, was die jeweilige Person weiß – oder erzählen möchte.
So entwickelt sich die Geschichte immer rasanter auf die erste Katastrophe zu. Eben bis zu – siehe oben – jenem ersten Toten, dessen Identität erst kurz vor der Hälfte der rund 400 Seiten des Romans enthüllt wird.
Miss Marple ist die Brücke zwischen diesem Krimi von Lucy Foley und den Klassikern von Agatha Christie. Dass mehrere Jahrzehnte zwischen den beiden Autorinnen liegen, merkt man von Anfang an. Lucy Foley versucht gar nicht erst, Agatha Christies Schreibstil zu imitieren. Sie erzählt auf ihre eigene, wesentlich modernere Art, obwohl die Handlung im Jahr 1950 spielt.
Dabei hatte Foley keine ganz einfache Aufgabe. Fünfzig Jahre nach dem letzten originalen Miss-Marple-Roman durfte sie als erste Autorin einen neuen vollständigen Fall mit Christies berühmter Hobbydetektivin schreiben. Dass sie daraus keinen nachgebauten Agatha-Christie-Roman gemacht hat, halte ich für eine gute Entscheidung.
Lucy Foleys Roman umfasst rund 400 Seiten, weitaus mehr als ein typischer Christie-Roman. Sie beschreibt die Ereignisse wesentlich ausführlicher, und öfter hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass die kompaktere Struktur der originalen Miss-Marple-Krimis vielleicht doch besser gewesen wäre. Denn es gibt einiges zu lesen, das auch nicht gefehlt hätte, wäre es weggelassen worden.
Aber dennoch: Die Story entwickelt sich immer temporeicher, immer mehr Andeutungen tauchen auf – doch welche davon tatsächlich zur Auflösung führen könnten, bleibt bis zum Finale unklar.
Ich habe schon einige Romane anderer Schriftstellerinnen und Schriftsteller gelesen, in denen der Versuch, Fortsetzungen zu den Büchern anderer zu schreiben, nicht funktioniert hat. In „Mord im Grand Alpine Hotel“ hat Lucy Foley aber erfreulicherweise erst gar nicht versucht, einen weiteren Agatha-Christie-Roman zu schreiben.
Es ist ein moderner erzählter Krimi, in dem eine Figur mitspielt, die ihre Persönlichkeit aus dem Agatha-Christie-Original mitgenommen hat: Miss Marple beobachtet, hört zu, zieht ihre Schlüsse und wirkt dabei wie gewohnt so unscheinbar, dass andere Menschen sie immer wieder unterschätzen. Genau damit fügt sie sich auch in Lucy Foleys Erzählung ganz ohne Schwierigkeiten ein.
Zusammengefasst:
„Mord im Grand Alpine Hotel“ ist ganz sicher eine Empfehlung nicht nur für Foley-Fans, sondern auch für Christie-Fans.
Und wer weiß: Vielleicht hätte die Grand Dame der Kriminalliteratur heutzutage ja auch ein wenig anders geschrieben?