Kai Bliesener: Hotel Silber - den Tätern auf der Spur
Reihe Paul Kramer (2)
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Buchbesprechung verfasst von: Gertie
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Oft sind Fragen gefährlicher als Antworten …
Als Waldarbeiter 1946 in einem Wald nahe Stuttgart auf drei nur oberflächlich verscharrte Skelette stoßen, ist recht bald klar, dass es sich hier eines der zahlreichen Endzeitverbrechen der NS-Zeit handeln muss, weisen die Schädel doch deutliche Zeichen einer Hinrichtung auf.
Kommissar Paul Kramer wird von der US-Army mit den Ermittlungen beauftragt. Akribisch geht er die unterschiedlichsten Vermisstenlisten durch. Recht bald hat er die Namen der Toten, die alle auf ihre Weise der NS-Diktatur Widerstand geleistet haben. Im Zuge der Nachforschungen entdeckt er immer wieder die gleichen Namen, die Haftbefehle, Verlegung von Häftlingen und Transportlisten unterzeichnet haben. Und von diesen drei Personen arbeiten zwei ausgerechnet im Polizeidienst wie er selbst, der dritte im Innenministerium.
Kramer sind die Zusammenhänge klar, doch wie kann er Beweise sammeln, damit diese Personen, wie von den Alliierten geplant, vor Gericht gestellt werden können? Denn kaum hat er im tiefen Keller der Polizeidienststelle einen möglichen Beweis entdeckt, ist diese Akte auch schon wieder verschwunden. Wem kann Kramer noch trauen? Wie die Wahrheit finden, wenn die Täter oder ihre Handlanger schon wieder an den Schaltstellen der Macht sitzen?
»Dieses Haus ist ein Pulverfass. Die Akten im Keller sind der Docht. Wenn du ihn anzündest, weißt du nicht, wen die Explosion trifft.«
Soll Paul Kramer wegschauen, wie so viele seiner Kollegen? Oder weiter ermitteln, obwohl er und seine Freundin, die Journalistin Hilde Jäger, zunächst subtil und dann später massiv bedroht werden?
Meine Meinung:
Das Cover, auf dem das „Hotel Silber“ abgebildet ist, vermittelt durch die dunkle Farbgebung sowie die beiden Männer, deren Gesichter man nicht sehen kann, abermals ein Gefühl der Bedrohung. Was aber kein Wunder ist, diente doch das Gebäude während der NS-Zeit das Hauptquartier der Gestapo. Dass hier nun die Kriminalpolizei ihren Dienst versieht, ist einer der Treppenwitze der Geschichte. Man kann das mulmige Gefühl, das Paul Kramer immer wieder überfällt, wenn er durch die Korridore des Gebäudes geht, sehr gut nachvollziehen, ist er doch in einer dieser Zellen inhaftiert gewesen und gefoltert worden.
Wie schon im ersten Krimi (Hotel Silber – Neue Zeit, alte Schuld) muss Kommissar Paul Kramer, der als Sozialist und Deserteur einer der wenigen unbelasteten Polizisten ist, der von der US-Army eingesetzt worden ist, um Verbrechen der NS-Zeit aufzudecken und gerichtsfeste Beweise zu sammeln, so dass man den Täter, die oft durch unzureichende Entnazifizierungsverfahren wieder an den Schaltstellen der Macht sitzen, den Prozess machen kann, sich mit seinen alten Widersachern herumschlagen. Die sind natürlich überhaupt nicht daran interessiert, dass ihre Verbrechen ans Tageslicht gezerrt werden.
Kai Bliesener verbindet diese schwierige Nachkriegszeit mit einem klassischen Kriminalfall. Wie schwierig diese Zeit, in der das Alte noch nicht wirklich weg ist und das Neue noch nicht Fuß gefasst hat, zeigt auch das strategische Abwägen des Chefredakteurs Hartmann, der wie er sagt, ja vom Wohlwollen der Amerikaner abhängig ist und auch im nächsten Monat noch eine Zeitung herausgeben will. Nicht alles, was Hilde Jäger und Paul Kramer herausfinden, kann 1 : 1 in der Zeitung erscheinen.
»Ich schreibe nie mehr, als ich weiß«, sagte sie. »Aber oft mehr, als die Leute hören wollen.«
Allerdings gibt es sie doch, jene Menschen, wie der Lehrer, die sich bemühen, das Unsägliche, die Kriegsverbrechen wenigstens aus ihrer Erinnerung zu dokumentieren und sie Paul Kramer zuspielen. Doch viele andere fühlen sich durch die Fragen von Kramer und Jäger bedroht, und beginnen die Fäden in den alten Netzwerken zu ziehen.
»Sie wissen genau, dass Fragen oft gefährlicher sind als Antworten«
Kai Bliesener hat für diese historische Krimi-Reihe penibel recherchiert und erzählt atmosphärisch dicht, das düsteres Bild einer Gesellschaft im Umbruch – und eines Mannes, der nicht bereit ist, die Augen zu schließen.
Doch wenn ich mir die aktuellen Nachrichten ansehe, scheint es, als hätte das ewig Gestrige nur einen Winterschlaf gehalten, um nun wieder seine böse Fratze zu zeigen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem hochspannenden historischen Kriminalroman über Schuld, Verdrängung und den Mut, sich gegen ein System des Schweigens zu stellen, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.