George Saunders: Nachtwache
Autorin/Autor:
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Online bestellen:
Von vielen, die sich für großartig halten, bleibt am Ende nichts. Von anderen, die meinten, die Welt nach vorne gebracht zu haben, bleibt vor allem Verwüstung. Und von wieder anderen, die glaubten, bewundert zu werden, bleiben nur kleine Fetzen der Erinnerung.
Sieht man die Nachrichten von heute, sind sie gefüllt mit Namen von Leuten, deren Ego unendlich weit über ihrer wirklichen Bedeutung liegt. (Und jetzt fällt uns allen wahrscheinlich sofort eine längere Liste von Namen ein, auf die das zutreffen könnte.)
Einer, der auf so einer Liste stehen könnte, ist K. J. Boone, der da auf seinem Sterbebett liegt. Früher war er ein bedeutender Mann, hofiert, weil er mächtig war und Geld hatte. Weil Macht und Geld eben genau das sind, worauf diejenigen blicken, die beides auch gerne hätten. Aber war Boone in Wahrheit nicht einer jener Menschen, die kaum etwas erschufen, dafür aber unendlich viel zerstörten? Was als Chef eines Ölkonzerns gewissermaßen sogar in der Jobbeschreibung stehen könnte.
Ihm zur Seite wird aus einer anderen Welt ein Wesen geschickt, das auf keiner Mächtigen-Liste steht, aber zu denen gehört, aus denen sich vielleicht die einzig wirklich wichtige Liste zusammenstellen ließe: die der mitfühlenden, empathischen und liebevollen Menschen. Jill „Doll“ Blaine ist ihr Name. Sie starb bereits als junge Frau und wurde danach zu einer neuen Aufgabe berufen: Als himmlische Sterbebegleiterin ist sie immer dann zur Stelle, wenn es gilt, jemanden in den letzten Momenten seines Lebens zu begleiten und ihm den Übergang auf die andere Seite etwas leichter zu machen.
Diesmal allerdings hat sie es mit einem besonders schwierigen Fall zu tun. Denn Boone hält hartnäckig an seiner glorreichen Version seines Lebens fest: nämlich daran, dass ohne sein Zutun die Menschen und überhaupt die ganze Welt weitaus schlechter dastehen würden.
Was nicht in dieses Bild von ihm selbst passt, wird passend gemacht. Beispielsweise die Sache mit dem Klimawandel, den er lautstark, unterlegt mit manipulierten Argumenten und gezielt gestreuten Zweifeln, bestritten hat. Gleichzeitig traf er für sich und sein Unternehmen Vorkehrungen gegen die Folgen dieses ja angeblich gar nicht existierenden Klimawandels.
Und schon wieder fallen mir ein paar Namen aus der Realität ein.
Zwischen Jill und Boone entspinnt sich ein für die Welt unsichtbarer, aber keineswegs stiller Disput. Jill möchte trösten, verstehen und begleiten. Boone möchte vor allem recht behalten. Das alles ist in eine Art Geisterkomödie gepackt, in der schnelle, oft ausgesprochen witzige Dialoge das tragende Element sind. Erinnerungen aus Jugend, Erwachsenwerden und späterem Leben von Boone und Blaine schieben sich ineinander, werden unterbrochen und neu zusammengesetzt.
Und dann gibt es da noch diesen anderen Geist: einen französischen Erfinder eines frühen Verbrennungsmotors, der seit seinem Tod ziemlich viel Zeit hatte, darüber nachzudenken, was seine Erfindung langfristig angerichtet hat. Er hält von Jills sanftem Umgang mit Boone herzlich wenig und möchte diesen lieber möglichst schnell mit den Folgen seines Lebens konfrontieren.
Konzentration ist beim Lesen jedenfalls gefragt. Die verschiedenen Erinnerungen, Zeitebenen, Stimmen und Geister verschränken sich immer wieder miteinander. Wer gerade aus wessen Leben erzählt und ob man sich überhaupt noch in der Welt der Lebenden befindet, ist nicht immer auf Anhieb klar. Dazu kommen einige ausgesprochen drastische und groteske Szenen. Saunders lässt seine Geister nicht einfach nur ätherisch durch Wände schweben. Bei ihm kann es körperlich, derb und ziemlich absurd werden.
Viel interessanter ist ohnehin die Frage, ob das Mitgefühl, das Blaine diesem selbst im Sterben uneinsichtigen und überheblichen Mann entgegenbringen möchte, überhaupt der richtige Weg ist.
Damit ist auch die zentrale Frage des Romans gestellt:
Hat selbst jemand wie Boone am Ende Mitgefühl verdient?
Oder wird Mitgefühl irgendwann zur Entschuldigung?
Wie soll man einem Menschen wie Boone – und all seinen Charakterverwandten – mit Mitgefühl begegnen, wenn diese nur sich selbst und ihre eigene Wahrheit sehen wollen? Boone kennt seine Argumente schließlich ein- und auswendig. Er hat sie sein ganzes Leben lang verwendet, um sein Handeln vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Und so muss selbst eine so erfahrene Sterbebegleiterin wie Blaine aufpassen, nicht in den Sog seiner scheinbar so überzeugenden Erklärungen zu geraten.
Diese Unsicherheit zieht sich durch „Nachtwache“. Saunders macht es sich nicht so einfach, Boone bloß zum bösen Ölkapitalisten zu erklären und ihn anschließend der verdienten Strafe zuzuführen. Ebenso wenig erklärt er Jills grenzenloses Mitgefühl automatisch zur einzig richtigen Antwort.
Zusammengefasst:
Nachtwache* ist gleichzeitig Geistergeschichte, Gesellschaftssatire, Klimaroman und eine ziemlich schräge philosophische Diskussion über Schuld, Verantwortung und Mitgefühl. Nicht alle grotesken Wendungen und Gedankensprünge haben für mich gleich gut funktioniert. Aber Saunders stellt Fragen, die weit über diesen einen sterbenden Ölmanager hinausreichen.
Und das vielleicht Unangenehmste daran ist: K. J. Boone wirkt gar nicht besonders exotisch. Menschen, die sich ihre eigene Wahrheit so lange zurechtlegen, bis sie selbst fest daran glauben, begegnen einem schließlich nicht nur in Romanen.
PS: Zu diesen Boones (oder wie immer sie heißen) fällt mir eine reale Person ein, die George Saunders beim Schreiben ganz sicher nicht vor Augen hatte. Ich meine diesen kleinen, sich wütend präsentierenden Mann in Österreich, der gerne auf Pferden sitzt (…).