Lavie Tidhar: Adama
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Wie aus der Flucht vor den Nazis nach Palästina mit unendlich viel Leid und Gewalt der Staat Israel entstand – und wie Leid und Gewalt die Menschen in diesem Staat bis heute prägen: Lavie Tidhars „Adama“ erzählt genau davon. Nicht als Geschichtsstunde, nicht als politisches Lehrstück, sondern als dramatische Familiengeschichte, in der sich persönliche Schicksale und historische Momente untrennbar miteinander verbinden.
Es ist jenseits unserer eigenen Erfahrungen und Vorstellungen, was es bedeutet, gerade noch sein Leben retten zu können und an einem fremden, unwirtlichen Ort neu beginnen zu müssen. Ruth, eine ungarische Jüdin, entkommt den Nazis und kommt nach Palästina. Ihre Eltern werden ermordet, ihre Schwester Shoshana bleibt zunächst verschollen, später wird auch sie wieder Teil dieser Familiengeschichte. Ruth aber findet in Palästina nicht nur Zuflucht, sondern eine Aufgabe, vielleicht sogar eine Bestimmung. Der Kibbuz Trashim wird für sie ihre Heimat, ihr Lebensinhalt, ihr Glaube, ihr Besitzanspruch, ihre Antwort auf die Gewalt, vor der sie geflohen ist.
Mit beinahe fanatischer Zähigkeit kämpft Ruth darum, dieses Stück Land aufzubauen und zu halten. Sie scheut vor harter Arbeit ebenso wenig zurück wie vor Entscheidungen, die zu Gewalt führen. Was als Rettung, als Neubeginn, als Traum eines sicheren Ortes beginnt, wird bald untrennbar mit Vertreibung, Zerstörung und Tod verbunden. Ruth und ihre Mitkämpfer sind vor der Gewalt geflohen – und wenden sie nun selbst gegen andere an. Gerade in dieser bitteren Umkehrung liegt eine der großen Stärken des Romans: Tidhar macht es sich nicht einfach. Er zeigt Opfer, die zu Tätern werden können, und Täter, die aus einer Geschichte von Angst, Verlust und Überleben hervorgehen.
Der Suhrkamp Verlag ordnet „Adama“ als Thriller ein. Die damit versprochene Spannung findet man tatsächlich, aber der Roman ist weit mehr als nur spannend. Er ist Familienroman, politischer Roman, historische Chronik und düstere Bestandsaufnahme zugleich. Die Handlung führt von den Jahren vor und rund um die Staatsgründung Israels bis ins Jahr 2009. An den entscheidenden Wegpunkten dieser Staatswerdung finden auch für Ruth und ihre Familie entscheidende Ereignisse statt: die Auseinandersetzung mit den Briten, die Vertreibung der arabischen Bevölkerung, die Kriege, die das Land immer weiter formen und zugleich verwunden.
Dabei folgt Tidhar nicht nur Ruth, sondern auch ihren Geschwistern, Kindern und Enkeln, er schreibt über Heranwachsen, Älterwerden, Liebe, Verrat, Loyalität, Verlust und Tod. Manche Figuren halten an den Idealen der ersten Generation fest, andere wollen ihnen entkommen. Manche dienen dem Land, das Ruth mit aufgebaut hat, andere zerbrechen an dem, was dieses Land von ihnen verlangt. Am Ende, wenn nur noch eine einzelne Person aus dieser Familie übrig bleibt, bündelt sich vieles in einer quälenden Frage: Welchen Sinn hatte es, so viel zu unternehmen, so viel Leid zu ertragen und selbst so viel Leid zu verbreiten?
Besonders stark ist der Erzählstrang, in dem diese Familiengeschichte nachwirkt. Die Letzte der Familie kennt ihre Verwandten kaum. Erst in dem einzigen Erbstück, das ihr bleibt, findet sie Spuren dessen, was vor ihr war: eine kleine Kiste mit verblichenen Fotografien, Erinnerungsstücken und den Gesichtern jener Menschen, die vergangen sind. Eine ganze Geschichte von Flucht, Hoffnung, Gewalt, Aufbau, Schuld und Verlust liegt am Ende in einer unscheinbaren Schachtel.
Nebenbei erfährt man viel über das Leben im Kibbuz. Welche Strukturen eine solche Gemeinschaft zusammenhalten, welches Selbstverständnis die Menschen haben, die sich entschieden haben, dort zu leben, welche Ideale sie tragen und welche Härte damit verbunden ist. Das allein ist schon ein überaus interessanter Teil des Romans. Eingebettet in die Handlung erhält man einen lebendigen Einblick in die Lebensumstände, die sozialen Verhältnisse, die Kindererziehung, den Zusammenhalt und die inneren Zwänge eines Kibbuz. Man versteht, warum Menschen darin Sinn finden konnten – und ebenso, warum andere daraus fliehen mussten.
„Adama“ ist kein bequemes Buch. Es ist auch kein Roman, der einfache Antworten anbietet. Aber gerade deshalb ist er so stark. Tidhar erzählt mit großer erzählerischer Kraft von Menschen, die leben wollen, kämpfen müssen, lieben, verraten, überleben und schuldig werden. Er zeigt, wie ein Staat entsteht, aber auch, was diese Entstehung kostet. Und er zeigt, dass Leid nicht automatisch milde macht. Manchmal macht es hart. Manchmal wird aus dem Wunsch nach Sicherheit eine neue Gewalt.
Ein Roman, der mitnimmt und nicht mehr loslässt.