Emanuele Missinato: Venedig ist verloren
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Die Frage ist doch schon lange nicht mehr, ob es passieren wird, sondern nur mehr: WANN?
In Emanuele Missinatos dystopischer Kurzgeschichte ist diese WANN genau JETZT.
Der menschengemachte Klimawandel (ja, genau der, der laut diversen Populisten überhaupt nicht stattfindet) hat den Grundstein für die Katastrophe gelegt, ein Erdbeben hat dann den finalen Anstoß gegeben. Auch wenn die Apennin-Halbinsel immer schon einer der europäischen Hotspots für Erdbeben war, ist dieses eine noch furchtbarer als alle zuvor.
Die großen Städte Italiens sind schwer beschädigt, doch die „Serenissima“ hat es am schlimmsten getroffen. Die Lagunenstadt ist im Meer versunken. Wie man es sonst nur von Stauseen kennt, wenn der Wasserspiegel niedrig ist, ragen gerade noch ein paar wenige Türme aus dem Wasser. Alles andere, die ganze Geschichte, alle Erinnerungen, alle Existenzen, ganz Venedig sind für immer verschwunden.
Mit der Aufzählung aller der Dinge, Gebäude, Menschen, Ereignisse, die Familie, die Haustiere, die schon mit dieser einzigen Stadt untergegangen sind, vermittelt die Erzählung einen, wenn auch nur kleinen, Einblick in das, was wir, die Menschheit, dabei ist, durch eigene Schuld zu verlieren.
Jetzt aber läuft die Katastrophen-Routine ab, aus dem Drehbuch, das wir kennen: Fernsehen, Hilfsorganisationen, Politiker mit Betroffenheitsrhetorik.
Mitten drin ist Marko, auf der Suche nach seinem Vater. Nach Stunden der Sorge und Ungewissheit findet er diesen in einem Krankenhaus in Mailand. Doch dort war Markos Vater schon vor der Katastrophe – warum?
Auf dem Weg dorthin, von dort wo Venedig war nach Mailand, kommt Marko an Landschaften vorbei, die ganz unberührt von dem Beben geblieben sind. So nahe liegen Untergang und Überleben beieinander.
Xavian Neumann spricht den Text in ruhigem, unaufgeregtem Tonfall, in klarer Sprache, die es leicht macht, der Erzählung zu folgen und sich die gesprochenen Bilder vorzustellen. Hörbücher gehören zwar nicht zu meinem bevorzugten Literatur-Medium, aber für diese ca. 35 Druckseiten lange Kurzgeschichte ist es eine passende Form. Lediglich die Dialoge empfinde ich als etwas stellenweise etwas zu pathetisch vorgetragen.
„Venedig ist verloren“ ist eine Kurzgeschichte über etwas, das ohne Vorwarnung jederzeit und überall geschehen kann. Hier ist es Venedig, das ausradiert wird. Das berührt uns natürlich mehr, als eine unbekannte zerstörte Stadt auf einem anderen Kontinent, weil viele von uns Venedig kennen.
Ähnliches aber geschieht irgendwo auf der Welt jeden Tag.
Alles kann plötzlich zu Ende sein.
Darum ist das Szenario dieser Erzählung zugleich fiktiv wie auch real.