Buchbesprechung/Rezension:

Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings

Die unbekannte Sally Hemings
verfasst am 14.09.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Eigentlich habe ich mich nie besonders für die US-amerikanische Geschichte interessiert. Um ganz ehrlich zu sein, auch nicht für die Versklavung der schwarzen Bevölkerung.

Barbara Chase-Riboud erzählt die Lebensgeschichte von Sally Hemings, einer versklavten Frau. Sie lebt auf einer Plantage in Virginia, der Plantage Monticello. Sie „gehört“ Thomas Jefferson, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten und dem dritten Präsidenten der USA. Sally ist nicht nur seine Sklavin, sondern auch die Tochter seines Schwiegervaters, also die Halbschwester seiner verstorbenen Frau Martha Jefferson.

Sally muss sich als Jugendliche mit der Tochter Jeffersons auf den Weg nach Paris machen, weil ihr Vater dort Botschafter der gerade gegründeten USA wird. Dort entspinnt sich eine Beziehung mit Jefferson, die bis zum Tod von Thomas Jefferson dauert.

„Sie schienen voneinander angezogen, Herr und Sklavin, durch geheimnisvolle Kräfte, die Sally Hemings nicht recht begriff.“

Sally ist eine Frau, die sich nicht zurückzieht. Soweit dies ihr als Sklavin möglich ist, ist sie nicht passiv, sondern selbstbewusst und intelligent. Jeffersons politische Vorstellung von Freiheit und dagegen sein Umgang mit Sklaven schmerzen sie immer wieder sehr. Ihre Eigenständigkeit, ihre innere Unabhängigkeit und ihre Liebe zu Thomas Jefferson stehen ihrem Sklavensein diametral entgegen. Selbst in dem Moment, als Jeffersons Tochter ihr nach seinem Tod die Freiheit, einem Wunsch Jeffersons entsprechend, geben will.

„Der weiße Umschlag, in dem stand, dass ich frei war, von dem ich aber gleichwohl wusste, dass er mich nie wirklich befreien würde, blieb in ihrer Hand. Ich brauchte nichts mehr. Ich brauchte Martha nicht. Ich war nicht mehr auf Martha angewiesen. Martha war darauf angewiesen, mich freizulassen …“

Fazit

Der Roman besticht durch die Darstellung der damaligen Verhältnisse der Sklaverei in den Anfangsjahren der USA, aber vor allem durch die Beschreibung von Sally Hemings, ihrer inneren Zweifel an Thomas Jefferson und seinen Beweggründen. Was mich besonders fasziniert hat, war die Beschreibung von Freiheit und Unfreiheit. Sallys innere Kämpfe werden intensiv beschrieben.

Jefferson war der Hauptverfasser bzw. maßgebliche Verfasser des Entwurfs der Unabhängigkeitserklärung der USA. Diese wurde später beraten, verändert und am 4. Juli 1776 angenommen. Dort ist ein zentraler Punkt die Freiheit und Unabhängigkeit des einzelnen Menschen. Dagegen steht sein Besitztum von Sklaven. Ein Widerspruch, der auch in diesem Roman nicht aufgelöst wird.

Gut finde ich die Auflistung der historischen Dokumente und anschließend die Beschreibung ihrer Auswirkungen auf Sally und die anderen Protagonisten. Störend empfand ich die schnellen Szenenwechsel. Ich brauchte immer einen Moment, bis mir klar war, wer jetzt der Erzähler beziehungsweise wo der Anknüpfungspunkt im bereits Erzählten liegt.

Zwei Szenen sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Einmal, als ein Sklave auf der Plantage Monticello in Anwesenheit aller Sklaven körperlich bestraft wurde. Und zweitens, als nach dem Tod von Thomas Jefferson die ihm gehörenden Sklaven zum größten Teil verkauft wurden. Es war beklemmend, die Liste mit den Namen und deren Preisen zu lesen. Hier wurde mir die Unmenschlichkeit der Sklaverei deutlich.

Ich kann diesen Roman allen, die an widersprüchlichen Persönlichkeiten interessiert sind, sehr empfehlen. Er führt uns eine faszinierende Frau auf eindringliche Weise vor Augen. Aber auch die Person Thomas Jefferson: ein widersprüchlicher Mensch und ein wichtiger Politiker der Anfangsjahre der USA. Ein eindringlicher historischer Roman, der sehr lesenswert ist.




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