Buchbesprechung/Rezension:

Thomas Mann: Herr und Hund

Herr und Hund
verfasst am 14.08.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Eine Novelle, geschrieben von einem Hundemenschen für Hundemenschen – denn andere würden vieles von dem, was sie hier lesen, doch gar nicht richtig zu schätzen wissen oder überhaupt nur verstehen können.

So wie ich Thomas Manns Hommage an die Freundschaft von Mensch und Hund lese, stoße ich auf unendlich viele Szenen, die mir allzu bekannt sind. Die überschäumende Freude, die meinen Vierbeiner erfasst, wenn er mich wieder sieht – so wenig Zeit kann gar nicht vergangen sein. Die Aufmerksamkeit, mit der mein Hund mich beobachtet. Und wie überwältigend es ist, diese Zuneigung zu sehen und sie zu erwidern.

Eine Handlung im klassischen Sinn hat *Herr und Hund* kaum. Thomas Mann erzählt vielmehr vom Zusammenleben mit Bauschan, von dessen Herkunft, Eigenheiten, Gewohnheiten und von den gemeinsamen Spaziergängen durch die Umgebung des Münchner Hauses, hinaus in die damals noch weit weniger geordnete Landschaft der Isar-Auen. Man begleitet Herr und Hund auf ihren Wegen, beobachtet Bauschan beim Laufen, Schnüffeln, Jagen, Warten, Freuen und gelegentlichen Verweigern. Aus diesen alltäglichen Beobachtungen entsteht kein dramatischer Handlungsbogen, sondern ein literarisches Porträt: das eines Hundes und zugleich das einer Beziehung, die aus Nähe, Gewohnheit, gegenseitiger Beobachtung und stiller Vertrautheit besteht.

Thomas Mann findet unendlich viele Worte und Beschreibungen, um seinen Hund Bauschan und das, was ihn mit diesem Hund verbindet, zu Papier zu bringen. Dass er es dabei gelegentlich etwas übertreibt, etwas zu hymnisch wird, mag mein persönlicher Eindruck sein. Dass er seinen vierbeinigen Begleiter dabei auch allzu sehr vermenschlicht und ihm jede Menge menschenähnlicher Gedankengänge zuschreibt, lässt sich aber wohl ziemlich objektiv erkennen. Bauschan wird nicht einfach nur als Tier beschrieben, sondern als Persönlichkeit, als Gefährte, als eigenwilliges Wesen mit Vorlieben, Abneigungen, Stimmungen und Absichten.

Dazu lese ich erstaunt, wie es vor rund hundert Jahren gewesen sein muss, mit einem Hund in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Oder ist das auch nur literarische Ausschmückung? Herr und Hund marschieren einfach los, Bauschan läuft durch die Straßen, während sein Herr in der Straßenbahn sitzt, auf den Spaziergängen geht er nach Herzenslust jagen, und sein Herr lässt das nicht nur zu, sondern schildert es mit sichtlicher Freude. Aus heutiger Sicht liest man solche Passagen mit einer Mischung aus Verwunderung und Amüsement. Manches wirkt wunderbar frei, anderes würde heute vermutlich für sehr hochgezogene Augenbrauen sorgen.

Bauschan ist tatsächlich eine reale Gestalt. Er war nicht nur eine literarische Erfindung, sondern für einige Jahre der Begleiter Thomas Manns und lebte mit der Familie in der Münchner Villa. Gerade dieses Wissen verändert die Lektüre ein wenig. Man liest den Text nicht nur als hübsche Tiernovelle, sondern auch als sehr persönliche Erinnerung an einen wirklichen Hund.

Thomas Mann setzt Bauschan damit ein literarisches Denkmal – nicht als besonders edles, außergewöhnlich kluges oder heldenhaftes Tier; denn Bauschan darf eigensinnig sein, unvernünftig, neugierig, ängstlich, begeistert, ungehorsam und rührend zugleich.

Für mich ist „Herr und Hund“ in Summe eine sehr liebevolle, wenn auch manchmal etwas übersteigerte, aber in vielen Beobachtungen wunderbar treffende Hommage an die Freundschaft zwischen Mensch und Hund.

Nicht alles daran wirkt aus heutiger Sicht unproblematisch oder zeitlos, manches ist ganz deutlich seiner Epoche entsprungen und würde heute mindestens Kopfschütteln hervorrufen.

Nur Bauschan selbst bleibt zeitlos und in gewisser Weise unsterblich. Man sieht ihn laufen, schnüffeln, jagen, warten und sich freuen. Und vielleicht ist das das Schönste, was die Literatur diesem unbedingten Menschenfreund schenken kann: dass er nach mehr als hundert Jahren immer noch durch die Seiten springt.




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