Alberto Angela: Cäsar
Die Eroberung der Ewigkeit - Ein moderner Blick auf den Krieg um Gallien
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Die Lektüre von Caesars „De Bello Gallico“ ist mir im Lateinunterricht erspart geblieben – ein Glück, wie ich jetzt feststelle. Denn mit Alberto Angelas *Cäsar* bekomme ich nicht nur wesentliche Teile des Inhalts in verständlicher und erzählerisch aufbereiteter Form nachgereicht, sondern erfahre auch all jene Details und Zusammenhänge, die nötig sind, um Caesars eigene Darstellung richtig einordnen zu können.
Und diese Einordnung ist wichtig. Denn Caesar war nicht nur Feldherr, Politiker und Machtmensch, sondern auch der Chronist seiner eigenen Siege. Dass dabei die Selbstbeweihräucherung und Übertreibung nicht zu kurz kommen, darf man getrost annehmen.
Alberto Angela berichtet hier vom Gallischen Krieg, also von jener Eroberung, mit der Caesar ab 58 v. Chr. die Macht Roms weit nach Norden und Westen ausdehnte. Es ist eine Herausforderung, das in einem Buch so zusammenzufassen, dass die Leserschaft quasi immer im Bilde bleibt. Gelöst wird das über Querverweise zwischen den beschriebenen Ereignissen und vor allem auch mit Übersichtskarten, die jedem Kapitel vorangestellt sind.
Das Römische Reich und sein Vermächtnis
Allgemein sehen wir das Römische Reich heute als eine Quelle unserer europäischen Gesellschaft und Zivilisation. Viele seiner Errungenschaften wirken bis heute fort, in Sprache, Recht, Verwaltung, Baukunst, Politik und in einer Vielzahl von Normen und Regeln, die unser Denken noch immer mitprägen. Doch der Weg zu dieser römischen Ordnung war eben nicht nur von Aquädukten, Straßen und lateinischen Inschriften gepflastert. Eine entscheidende Phase auf dem Weg Roms zur endgültigen Großmacht war die Eroberung Galliens, und diese Eroberung war weit blutiger, als man es aus den Abenteuern von Asterix und Obelix vielleicht in Erinnerung haben möchte.
Es ist somit überaus spannend, diesen Widerspruch zwischen heutigem Verständnis und tatsächlichem Geschehen nachzulesen. In unserer Vorstellung war Gallien vielleicht ein Ort voller widerspenstiger Dörfer, schlagkräftiger Helden, römischer Legionäre mit Beulen am Helm und humorvoller Übertreibung. Bei Angela bleibt von dieser gemütlichen Erinnerung wenig übrig. Gallien war in Wahrheit eine gefährliche, politisch zerrissene und militärisch hart umkämpfte Region. Die Romanisierung der Gebiete, aus denen später Frankreich, Belgien und Teile der umliegenden Staaten hervorgehen sollten, begann nicht als friedlicher Kulturtransfer, sondern als brutaler Eroberungskrieg mit hunderttausenden Toten, Verwundeten und versklavten Kindern, Frauen und Männern.
Angela verbindet gekonnt die Chronik der Eroberung Galliens mit Fakten über die Struktur der römischen Armee, beschreibt Caesars taktisches Geschick und zeigt, warum die Legionen so schlagkräftig waren. Es bleibt aber nicht beim Militär. Alles ist, so war es damals in Rom, eingebettet in politische Intrige, persönliche Ambition und Propaganda. Caesar führt Krieg in Gallien, aber er denkt dabei immer auch an Rom. Jeder Sieg stärkt nicht nur seine Stellung im Feld, sondern auch sein Ansehen in der Heimat.
Besonders spannend ist, wie Angela die vielen Brennpunkte dieses Krieges sichtbar macht. Gallien war keine einheitliche Zivilisation, die geschlossen gegen Rom auftrat, es gab nicht einfach „die Gallier“, sondern eine Vielzahl von Gruppen, die einander teils bekämpften, teils misstrauten, teils Rom als Schutzmacht nutzten und sich teils erbittert gegen die römische Expansion stellten. Verbündete Roms lebten neben erbitterten Gegnern, und die Bruchlinien verliefen nicht nur zwischen den Stämmen, sondern oft auch innerhalb der einzelnen Gemeinschaften. Man versteht, dass Caesar manchmal als Helfer und manchmal gnadenloser Eroberer auftrat, der ganze Stämme ausrotten ließ.
Wahrheit und Fiktion
Bei allen den nachzulesenden Details bleibt stets die Frage nach den Quellen. Caesars „De Bello Gallico“ ist naturgemäß nur bedingt als neutrale Darstellung zu lesen. Caesar berichtet über seinen eigenen Krieg, seine eigenen Entscheidungen und seine eigenen Erfolge. Er nutzt seine Schriften auch zur Überhöhung seiner Leistungen, ganz nach dem Motto: viel Feind, viel Ehre. Andere antike Quellen sind ebenfalls problematisch, weil sie oft erst Jahrzehnte später entstanden sind oder eigene politische Absichten verfolgen. Eine glaubhafte Chronik der Ereignisse zu erstellen, verlangt daher immer auch Schlussfolgerung, Vergleich und mitunter eine ordentliche Portion begründeter Spekulation.
Alberto Angela macht daraus, allen diesen Erschwernissen zum Trotz, eine detailreiche und lebendige Biografie/Chronik.
Er macht Geschichte anschaulich, ohne so zu tun, als läge die Vergangenheit vollständig und zweifelsfrei vor uns. Man sieht, dass er als Wissenschaftsjournalist erzählen will, aber zugleich erklären muss, wo gesichertes Wissen endet und Deutung beginnt. Das Buch liest sich stellenweise fast wie ein historischer Abenteuerbericht, verliert dabei aber nie den Blick auf die Fakten – jedenfalls so weit diese unstrittig sind – was spekulativ ist, nennt er auch so (womit auch klar ist, dass Details der Geschichte auch durchaus anders interpretierbar sind bzw. stattgefunden haben sein können).
Interessant ist, wie das Bild Caesars während der Lektüre immer wieder wechselt. Er erscheint einmal als genialer Feldherr, dann als eiskalter Machtpolitiker, als begabter Selbstdarsteller und als Mann, der Gewalt kompromisslos einsetzt, um seine Ziele zu erreichen. Dass Angela Caesars strategisches Genie würdigt, heißt nicht, dass er dessen Vorgehen beschönigt. Im Gegenteil: Die Größe der Leistung und die kalte Brutalität seines Vorgehens stehen gleichwertig nebeneinander.
Zusammengefasst
„Cäsar“ ist nicht nur ein antiker Kriegsbericht. Es ist ein Buch über Macht, Krieg, Propaganda und über den Beginn einer Entwicklung, die Europa bis heute geprägt hat. Alberto Angela erklärt nachvollziehbar, warum die Eroberung Galliens historisch so bedeutend war, und zeigt zugleich, welchen Preis diese Geschichte hatte.
Für alle, denen „De Bello Gallico“ im Unterricht erspart geblieben ist, ist das eine ausgezeichnete Gelegenheit, den Stoff nachzuholen – nur diesmal eben mit Übersetzung, Einordnung und dem notwendigen Abstand zu Caesars eigener Ruhmeserzählung.
PS: Etwas enttäuscht bin ich, dass das KI-Video, das man über den QR-Code auf dem Cover aufrufen kann, auf Italienisch ist. Latein hätte es schon sein können.