Joseph Wisnicki: Mich kriegt ihr nicht!
Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Bei allem, was wir über die Zeit des Nationalsozialismus wissen, über den Holocaust und darüber, mit welchem Irrsinn nicht nur die Protagonisten des Regimes, sondern auch die ganz normalen Bürger erlegen waren, ist die Frage berechtigt: wie konnte man als Jude diese Zeit überhaupt überleben.
Denn der millionenfache Mord in den KZs war nur der eine Aspekt des größten Verbrechens der Geschichte. Für mich persönlich beinahe noch erschütternder ist, wie Nachbarn, Bekannte, vermeintliche Freunde, Kollegen, allesamt „ganz normale“ Bürgerinnen und Bürger nach der Machtübernahme der Nazis als willige Werkzeuge des Regimes und ebenso fanatische Antisemiten agierten.
(Nicht vergessen darf man bei der Aufarbeitung der Nazizeit aber, dass es Antisemitismus davor gab und der bis heute als geistige Krankheit in vielen Köpfen weiterwirkt)
Einer der überlebt hat, war der im Jahr 1916 im polnischen Częstochowa geborene Józef Wisnicki, der in den 1990er-Jahren seine Geschichte in seinem Bericht „My Fight for Survival“ niederschrieb. In der Übersetzung, die in diesem Buch nachzulesen ist, ist es ein Bericht, der die ständige Angst vor Entdeckung, die Zeit in den Gefängnissen und Transporten, in denen er nicht wusste, was der kommende Tag bringen würde, das Gefühl nicht zu wissen, ob man die nächsten Stunden noch überleben würde, nur unvollständig wiedergeben kann. Denn wie soll man das alles verstehen, was sich damals jenseits aller Vorstellungskraft zutrug?
Es ist die Schilderung eines Lebensweges, der Józef Wisnicki durch geschicktes Agieren und unglaubliche Glücksfälle immer wieder mit Menschen zusammenbrachte, die dem Nazi-Regime nicht hörig waren und ihm halfen zu überleben. Über mehrere Etappen landete er in Bludenz und schaffte es, sich dort einzuleben.
Was er aber alles in den Jahren der Naziherrschaft erleben musste und überlebte, das ist lässt sich auch nach der Lektüre seiner Erinnerungen für uns heutzutage kaum begreifen:
Es gelingt ihm die Flucht aus einem Zug, der ihn und tausende andere nach Treblinka bringen sollte. Er kann sich über die ganze Zeit als Pole ausgeben und verbergen, dass er Jude ist. Er täuscht die Schergen des Naziregimes über seine Herkunft, selbst den Umstand, dass er beschnitten war, kann er so überzeugend erklären, dass er es schafft in unterschiedlichen Positionen so viel zu verdienen, um zumindest diesbezüglich sorgenfrei zu sein. Was aber immer, in jeder Minute bleibt, das ist die Furcht, irgendwann doch entdeckt und in ein KZ geschickt zu werden.
Nach dem Ende des Krieges führte er ein langes und glückliches Leben in seiner neuen Heimat USA, das im Jahr 2016 zu Ende ging.
Wenn Józef Wisnicki einer der wenigen Glücklichen war, die den Holocaust überlebten, so konnte die überwiegende Mehrheit der Juden dem Mordwahn der Nazis nicht entgehen, darunter auch seine Eltern, alle seine Familienmitglieder bis auf seinen Bruder Dawid und unzählige Bekannte.
Zur Einordnung von Wisnickis Lebensgeschichte haben die Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger seinen Bericht in den historischen Rahmen gesetzt. Das umfasst zum einen den kurzen Abriss über die Ereignisse; zum anderen liest man hier über viele weitere Schicksale während der Nazizeit, es sind die Kurzbiografien von Menschen, denen Wisnicki auf seiner Odyssee begegnete. Es ist diese Zusammenführung von persönlichen Erinnerungen mit den reinen historischen Fakten, die die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge jener Zeit ein wenig begreifbar werden lässt.
Komplettiert wird diese Ausgabe durch viele Bilder aus dem Archiv Wisnickis, die allesamt wie aus einem Familienalbum entnommen scheinen. Kleine Einblicke, die so etwas wie Unbeschwertheit suggerieren; zugleich aber auch, dass wie es Überlebenden wie Józef Wisnicki (und seiner Frau Leokadia) gelingen konnte, später ein erfülltes Leben zu führen.
PS: wie mag es den heute noch lebenden Holocaust-Überlebenden ergehen, wenn sie miterleben müssen, wie die Faschisten, die Antisemiten, die Rassisten mit wachsender Zustimmung durch immer größere werdende Gruppen der Bevölkerung erneut stärker, lauter und hemmungsloser werden. Sei es in den USA oder in Europa.