John Grisham: Das Vermächtnis
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Das beschauliche Treiben mittelmäßiger Rechtsanwälte in einer US-amerikanischen Kleinstadt. So kann man die ersten zweihundert Seiten dieses Thrillers beschreiben. Es geschieht nicht viel, man versucht mehr zu scheinen als man ist und kommt mehr schlecht als recht über die Runden.
Simon F. Latch ist einer dieser mittelmäßigen Anwälte, der sich mit Standard-Schriftsätzen und entätigen Fällen über Wasser hält. Sein Konto ist immer im Minus, was zum einen an seiner Wettleidenschaft (Wettsucht würde er es nie nennen) liegt, zum anderen an dem Umstand, dass seine Ehe vor dem Aus steht und von der Bank kann er auch keine weitere Kredite erwarten.
Da betritt eines Tages eine ältere Dame seine Kanzlei. Eleanor Barnett hat erst kurz zuvor ihr Testament bei einem Konkurrenten gleich vis-a-vis von Latchs Büro aufsetzten lassen, und n aber ein schlechtes Gefühl, was die Rechtschaffenheit dieses Anwaltes betrifft. Ob Simon ihr vielleicht helfen kann? Er kann und denkt zunächst nur an sein Standardhonorar von 250 Dollar.
Als Eleanor aber von ihren Aktiendepots berichtet und von den hunderttausenden Dollars, die sie jedes Jahr aus Gewinnausschüttungen zur Seite legen kann, steigt sein Interesse merklich an. Jetzt gilt es, ein neues Testament zu erstellen, dass ihm einen gehörigen Anteil an dem millionenschweren Vermögen sichern soll. Da ihm Mrs. Barnett aber gelegentlich verwirrt erscheint, versucht er doch noch zu prüfen, ob ihre Angaben tatsächlich stimmen; was umso bedeutsamer wird, als Mrs. Barnett ihn mehr und mehr in Beschlag nimmt und erst recht als sich herausstellt, dass sie zwar Auto und Führerschein besitzt, aber eine ganze Menge an Anzeigen wegen Fehlverhaltens im Straßenverkehr angehäuft hat. Kritisch wird es, als sie einen Unfall verursacht, bei dem sie selbst verletzt wird. Obwohl im Krankenhaus alle überzeugt sich, dass sie sich bald erholen wird, stirbt Eleonor Barnett kurze Zeit später.
Doch wie konnte das geschehen?
Es sei eine Lungenentzündung schuld daran, erfährt Simon von den Ärzten.
Das von ihm geschickt aufgebaute Konstrukt rund um das Testament kann also zu wirken beginnen und seine finanziellen Sorgen sind für immer vorbei.
Es kommt anders: Eine anonyme Anzeige bei der Polizei bringt Simon unter Verdacht, aus Habgier hinter dem Tod der alten Dame zu stecken. So richtig in Bedrängnis kommt er, als die Obduktion ergibt, dass Eleonor vergiftet wurde.
So beschaulich die Story auf den 200 Seiten zu Beginn ist, so rasant wird sie danach. Es ist ein abrupter Tempowechsel, der einsetzt, als Simon unter Mordverdacht verhaftet wird. Dass es nach dem etwas ereignislosen Beginn später weitaus abwechslungsreicher und interessanter wird, sollte man wissen – ich habe einige Meinungen zu diesem Buch gelesen, nach denen Leserinnen und Leser zu früh aufgegeben und das Buch nicht zu Ende gelesen haben.
Denn was jetzt folgt, ist sozusagen ein Grisham-Heimspiel: die Vorbereitung des Prozesses, die Spurensuche nach den wahren Hintergründen des Verbrechens, die Aussagen im Gerichtssaal. Heimspiel deshalb, weil Grisham sich bei Gerichtsszenen und Ermittlungen auf dem Terrain bewegt, dass er als Anwalt und routinierter Autor wirklich beherrscht.
Wie in den meisten seiner Bücher liest man wie Anwälte agieren, wie sie die Geschworenen im Auge behalten um deren Reaktionen abschätzen zu können und wie Zeugen befragt werden, um aus ihnen das für den eigenen Mandanten wichtige herauszuholen. Grisham schreibt aber auch darüber, wie fehleranfällig das Geschworenen-System in den USA ist, wie leicht sich die zufällig für die Jury ausgewählten zwölf Personen von Nebensächlichkeiten oder vorgefassten Meinungen von den vorgelegten Fakten ablenken lassen können und unerwartete Urteile fällen.
Auch wenn „Das Vermächtnis“ vielleicht nicht Grishams bester Roman ist: Die Story bleibt so realistisch, dass es sich auch um einen True-Crime-Roman handeln könnte; und weil sich alles ab Seite 200 zu einem richtigen Pageturner entwickelt, ist der Roman für Fans von Grisham oder Gerichtsdramen im Allgemeinen eine ganz klare Empfehlung!