Romain Gary: Lady L.
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Ein kleiner (etwas mehr als 170 Seiten), sehr feiner Roman: Hinter der stilistisch leichten, beinahe an eine Boulevard-Komödie erinnernden Geschichte verbirgt sich eine überraschende Erzählung über Liebe, Ideale und die Kunst der Selbstdarstellung.
Im Mittelpunkt steht die 80-jährige Lady L., die auf ein bewegtes Leben zurückblickt. Bewegter, als es irgendjemand ahnt, der sie kennt.
Denn als junge Frau war sie nicht etwa die makellose Aristokratin, als die sie später erscheint, sondern in revolutionäre Kreise verstrickt und leidenschaftlich in einen Anarchisten verliebt. Gary enthüllt diese Vergangenheit in Rückblenden, die er immer wieder der sehr britischen Gegenwart gegenüberstellt. Daraus entstehen Situationen voller humorvoller Blicke und Seitenhiebe auf die Konventionen, denen sich die (in diesem Fall) britische Gesellschaft verschrieben hat. Eine hoch angesehene Gesellschaftsdame als frühere Komplizin politischer Agitation? Das ist doch eine unmögliche Kombination – aber wahr!
Wir befinden uns irgendwann in den 1940er-Jahren, Lady L. hat zu ihren 80sten Geburtstag die ganze Familie um sich versammelt. Als die Sprache davon ist, dass sie wegen eines geplanten Straßenbaus einen Teil ihres Anwesens wird verkaufen müssen, ausgerechnet den, auf dem Ihr Pavillon, ihr Zufluchtsort steht, ist ihre Verzweiflung groß. Bisher wusste niemand über die Dinge, die sie dort aufbewahrt Bescheid und niemand aus ihrer Familie kennt ihre wahre Vergangenheit. Ihrem alten Verehrer Sir Percy vertraut sie nun an, wer sie wirklich ist; Enthüllungen, die für einen so verstaubten Briten wie ihn nur schwer zu verdauen sind.
Gary erzählt mit spürbarer Freude an der Ironie. Seine Sprache ist elegant, auf den Punkt gebracht, und voller subtiler Seitenblicke auf gesellschaftliche Konventionen. Besonders gelungen ist, wie er das Pathos politischer Ideale zugleich ernst nimmt und augenzwinkernd relativiert. Der Anarchismus der 1880er-Jahre, als für Lady L ihr wirkliches leben begann, ist bei ihm zugleich Lebenseinstellung, Selbstdarstellung und Irrweg. Mit Lady Ls. Lebensgeschichte beschreibt Gary überdies auch, wie sich Werte und Ideale im Lauf der Zeit verwandeln.
Die Struktur aus erzählter Gegenwart und rückblickender Lebensbeichte sorgt für steigende Spannung, weil lange unklar bleibt, wie genau Lady L.s Vergangenheit sie zu ihrem späteren mondänen Leben führte. Überraschungen ergeben sich weniger aus spektakulären Wendungen als aus feinen Enthüllungen über Motive, Entscheidungen und Zufälle, die ihr Leben prägten. Immer wieder „enttäuscht“ Gary die Erwartungen seiner Leserinnen und Leser und gibt dem Geschehen eine neue Wendung
Zusammengefasst ist „Lady L.“ ein wunderbarer Roman voller Überraschungen und ironischer Seitenblicke. Romain Gary vereint viele Themen wie Liebe, politische Leidenschaft und gesellschaftliche Maskerade in einer unterhaltsamen, charmanten und zugleich klugen Erzählung.