Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

verfasst am 28.11.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Rammstedt, Tilman, Romane

Meistens funktioniert es doch so: nach 20,30,40 Seiten hat man herausgefunden worum es geht. Eine Meinung zum Buch hat man auch schon und oft kann man sich vorstellen, wie es weitergeht. Meistens, aber nicht hier. Denn wer hat schon jemals zuvor die Worte „Abenteuer“ und „Bankberater“ in einem Satz gelesen, geschweige denn in einem Atemzug ausgesprochen? Wohl kaum jemand! Buchmäßges Neuland gewissermaßen.

Auch wenn nach diesen 20,30,40 Seiten noch ein paar ganz wesentliche Fragen offen waren, so war eine doch schon eindeutig beantwortet: wer auf der Suche nach intelligenten (möchte mich bei Autor nicht anbiedern aber: manchmal durchaus genialen) Satzgebilden und Wortspielen ist, hat sein Leseziel gefunden.

Man liest also dieses:

Zum einen den einseitigen Dialog mit Bruce Willis. Dass der ein Weltstar ist lässt sich schon daraus erkennen, dass Tilman Rammstedt über dessen Leben und Gedanken Bewsxcheid weiss (er hat hat immerhin jede Menge Quellen in Pressse und Internet zum Stick Wort „Bruce Willis“ oder auch „Stirb langsam“ finden können). Und daraus, dass der Mann (darf ich mich vorstellen: Bruce Willis, Hollywoodstar) auf keines der Emails antwortet. Vorerstjedenfalls, aber wer weiß schon, was noch kommt.

Und man liest zum anderen über Rammstedts Bankberater (als Österreicher würde man „Bankbeamter“ sagen, weil das gleich viel wichtiger klingt). Mit dem Rammstedt eine recht ungewöhnliche Bekanntschaft/Geschäftsbeziehung verbindet, scheint der doch seinerseits der einzige Kunde (oder der wichtigste, der bedeutetendste, ..) jenes Bankberaters zu sein.

Und diese beiden Seiten des Romanes tauchen schon abwechselnd hintereinander im Buch auf. Einmal Bankberater, einmal Bruce. Ein Fragment von dieser Geschichte, eines von jener.

Dann, man wunderte sich schon, was jetzt ein Email an Bruce Willis mit den Meetings mit einem Bankberater (= Sinnbild des Schreibtischtäters vs. Hard-Boiled-Mich-Haut-Nichts-Um-Typ) zu tun hat, taucht die Erklärung auf:

Eine Bank wird überfallen, Geiseln, Polizei. Wie soll man da wieder heraus kommen aus so einem Schlamassel, vor allem dann, wenn man selbst mitten drinnen steckt. Drinnen stecken nämlich er, Rammstedt, und der Bankberater. Denn dieser, vormals als so feinfühlig, oft gedankenverloren, manchmals einsam, gelegentlich unsicher erscheinende Mann ist doch wirklich mitten im Bankberater-Kunde-Gespräch aufgesprungen und hat seine eigene Bank über fallen. Also das nenne ich ein Abenteuer.

Wo waren wir? Richtig! Man holt sich in einer solchen verfahrenen Situation einen zu Hilfe, von dem die ganze Welt weiß, dass er damit fertig werden kann (Das klingt jetzt wenig nach diesen ganzen Chuck-Norris-Sprüchen, aber bei Bruce Willis stimmt alles.). Was er schon x-fach bewiesen hat. Bruce Willis muss zu Rettung der Situation, des Bankberaters, des Autors mobilisiert werden.

Doch Bruce Willis ziert sich, eine Rolle in diesem Roman zu übernehmen. Und wird irgendwie, anscheinend, gewissermaßen dann doch dazu gezwungen. Quasi, aber dann auch wieder nicht.

Und alles spielt sich in diesem sehr komplizierten (aber dann doch wieder ganz logischen) Rahmen ab. Ein Buch über ein Buch, das gerade geschrieben wird, während man liest und während man liest, passiert das alles – mit dem erschwerenden Aspekt, dass damit auch die davorliegenden Ereignisse jetzt gerade geschehen. Während zu lesen ist, wie es zum Banküberfall kam, steckt der Autor schon mitten in drinnen, das alles in sein Buch zu schreiben. Während der Verleger schon mit den Druckvorbereitungen begonnen hat.

Und Bruce Willis, der als Retter der ganzen Situation für den Fortgang des Handlung und die Fertigstellung des Romanes quasi zwingend nötig ist, antwortet nicht. Typisch Weltstar.

Kein Wunder, dass niemand weiß, wie es weitergeht! Alles ist so quer miteinander verzahnt, wie man es nur quer verzahnen kann. So schräg erdacht, dass man beim Lesen beinahe aus dem Sessel fallen könnte.

Beinahe lässt sich zwischen den Seiten der Spass spüren, den der Autor beim Schreiben gehabt haben muss. Lässt sich das Blitzen in den Augen sehen, wenn ihm wieder eine besonders schräge Formulierung eingefallen ist, die nur auf den ersten Blick völlig abwegig erscheint, auf den zweiten aber niemals anders hätte formuliert werden können.

Die Konstruktion der „Handlung“ und die (siehe oben) oft schon geniale Formulierungskunst: ergibt in der Addition ein LESE-MUSS. Wer auf Skurrilität, grandiosen Wortwitz, intelligente Wortspielereien und bis an die Grenze zum Zerbersten verbogene Gedankengänge steht, darf sich das auf keinen Fall entgehen lassen.

Ein leiser Verdacht lässt sich auch nach dem Lesen noch nicht gänzlich ausschließen: war das vielleicht alles real? Gab es diese ganzen Emails als Bruce gar wirklich? Blödsinn, werden viele jetzt sagen, das ist natürlich erfunden! Ja, das dachte ich ja auch, aber warum kommt dann plätzlich diese Nachricht aus Hollywood? Sehr verzwickt!

PS: früher gab es „Briefromane“. Die werden gerade  zusehends durch „Emailromane“ abgelöst. Was verständlich ist, denn wer wird in einer Generation noch wissen, was ein Brief ist? Ein wenig fürchte ich mich alledings vor der nächsten Stufe: wie würde denn zB. ein „Twitter-Roman“ aussehen…?



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