Rafelsberger, Marcus: Wienerherz

Chefinspektor Laurenz Freund wird zu einem Selbstmord auf die Höhenstraße beordert. Bei dem Toten handelt es sich um Florian Dorin, einem von drei Söhnen aus dem Hause Dorin, einer angesehenen Bankiers- und Industriellenfamilie, die Kontakte in höchste Staatskreise unterhält. Standesgemäß fand sich der Tote in einem Bentley, weniger schön war das von der Flinte im Wageninneren verteilte Gewebe und die Hirnmasse.

In solchen Kreisen – stets um den guten Ruf bemüht – soll so ein Freitod nach Möglichkeit nicht viel Aufsehen erregen. Umso weniger glücklich ist man in der Familie Dorin, aber auch an höheren Orten (allen voran der Polizeichef, liebevoll oder respektlos als „der Pepe“ bezeichnet), dass Freund wegen einiger (kleiner) Ungereimtheiten, beginnt, die Hintergründe der Tat aufzurollen. Denn ihn plagen Zweifel, ob es denn wirklich ein Selbstmord war.

Zudem bekleidete Florian Dorin im Gegensatz zu Leopold, seinem Bruder, keine Funktion in dem Bankhaus (der dritte Bruder ist Maler geworden). Florian war seinen eigenen Weg gegangen und hatte zum Teil mit dubiosen Partnern das betrieben, was man gemeinhin als Lobbying bezeichnen würde. Daneben gab es auch noch Immobilienspekulationen, die aber nicht immer ganz glücklich verliefen (zumindest für die geschädigten Anleger). Er war ein Lebemann und Frauenheld. Geschiedene Frauen, gehörnte Männer erweitern den Kreis der Tatverdächtigen (wenn es denn eine Tat gab).

Nicht alle in Freunds Team sind von der Version ihres Chefs überzeugt und glauben an vertane Zeit, wenn hier weiter ermittelt wird. Doch dann wird in das Schloss des Toten eingebrochen und seine Sekretärin im Innenstadtbüro Opfer eines brutalen Überfalls. Zwei Journalisten, die über die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Dorin und der Politik recherchierten, werden Opfer eines Mordanschlags (Hollywoodreif beschrieben). Das bringt die Wende und bringt auch Dynamik in die Erzählung, die anfänglich mit sehr wenig Tempo auskommt und stark an die Beschreibung des realen Polizeialltags erinnert.

Immer mehr Details aus dem früheren Leben des Opfers, aber auch einzelne weiße Flecken in der Familiengeschichte der Doins kommen zutage. So gibt es mit Cornelius Dorin, einem Onkel,  ein interessantes Kapitel, das aber in der von einem Historiker verfassten Familienchronik ausgespart geblieben ist. Auf einmal wird die Exfrau Dorins mit exorbitanten Geldforderungen konfrontiert und das gemeinsame Kind bedroht. Und zu allem Überdruss stoßen die Ermittler um Freund noch auf die Spur eines Mannes, der wie…, aber mehr soll hier nicht verraten werden.

Rafelsberger ist mit dem Buch ein aktueller wie auch ein wenig nostalgischer Roman gelungen. Aktuell, weil heute die Zeitungen (also die Gerichtsseiten) genau von den von ihm beschriebenen Leuten voll sind, nostalgisch, weil er als Erzähler in der Gedankenwelt des Laurenz Freund immer wieder in frühere Zeiten zurückreist, wenn es um bauliche Entwicklungen in der Stadt oder gesellschaftliche Veränderungen geht.

Der Autor entwirft eine Familiengeschichte, die neben der beschriebenen Kriminalhandlung nicht nur sehr plastisch, sondern auch sehr gut aufgebaut ist. Der Stammbaum und die Chronik bieten ein wenig Geschichte in der Geschichte. Manchmal kommt aber auch das Gefühl auf, der Autor möchte den Leser belehren oder zumindest darauf hinweisen, dass er zu diesem Thema viel weiß und viel zu erzählen hat.

Rafelsberger beschreibt sehr präzise und genau. Auch die Orte der Handlung. Nach meinem Geschmack aber dann fast zu genau und eher wie für einen Reiseführer. Das ist aber OKAY, da der EMONS Verlag sehr stark auf die Regioschiene setzt. Er verwebt Handlung und Personen wie in einem Schachspiel. Ein Zug bedingt den anderen, auch wenn zwanzig andere dazwischen liegen mögen.

Gefallen hat mir auch sehr, dass oft gewisse Vorausahnungen, zunächst widerlegt, dann aber doch bestätigt wurden. Das ist klug und macht beim Lesen Spaß. Rafelsberger kann gut Personen zeichnen, indem er sie nicht nur optisch beschreibt sondern ihnen auch entsprechende Worte in den Mund legt oder sie entsprechend agieren lässt, wodurch sich insgesamt glaubwürdige Charaktere entwickeln. Mein Kompliment für die steife Haltung der Familie Dorin, das ist fast perfekt.

Nett auch die Familienbeschreibung des sympathischen Ermittlers, auch wenn sie ein wenig an die Familie aus Leons Commissario Brunetti erinnert (Teenager, mit den üblichen Mustern).

Und zum Schluss muss auch noch festgehalten werden, dass Rafelsberger sehr gut recherchiert hat, was die Struktur des Beamtenapparats und generell Wirtschaftsdelikte betrifft. Man bekommt das Gefühl, als hätte er bis hin zur Geschäftseinteilung der Staatsanwaltschaft alles vorher geprüft, was er nieder geschrieben hat.

Insgesamt daher eine Leseempfehlung.



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