Benjamin Stein: Die Leinwand

verfasst am 07.06.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Stein, Benjamin

Es sind (mindestens) zwei Wege, die zum selben Anfang führen. Zuerst las ich den Weg von Jan Wechsler, seine Erzählung, die mich genauso verwirrte wie ihn selbst. Dann wendete ich und las die Geschichte von Amnon Zichroni.

Es ist ein ganz eigenartiges Lesegefühl; wenn man ein Buch liest, das fesselt, in dem sich eine Spannung aufbaut, die man zwar spüren kann, ihren Hintergrund aber nicht erkennt. Mit Jan Wechsler begann ich, wie gesagt, das (Lese)Abenteuer. Es war, als ob man nur die Hälfte des Ganzen sieht (oder auch nur eine Seite eines Telefongespräches hört). Wechsler lebt in Deutschland, doch es tauchen mehr und mehr Hinweise auf, dass er gar nicht der ist, der er glaubt zu sein.

Wer ist jener Jan Wechsler, der einst in der Schweiz lebte, dessen Spur sich verlor. Die Erinnerung an sein eigenes Leben, der Lottogewinn,  seine Jugend in der DDR – ist es ein Traum, ist es nur Phantasie? Ist er der andere, der mit einem Buch die Geschichte von Minsky als reine Erfindung aufdeckte? Alles das beginnt mit einem Koffer, der ihm zugestellt wird, ein Koffer, den er angeblich als verloren gemeldet hatte. Jan Wechsel macht sich auf nach Israel um dort sich selbst zu finden.  Die Spur führt zu einer Quelle.

Jetzt war die Hälfte des Buches gelesen und mir war nichts klar – ausser, dass ich unbedingt wissen wollte, wie die andere Hälfte von Wechslers Leben aussieht, jene, die unhörbar am andere Ende der Telefonleitung spricht, jene, die immer wieder hinter einem dichten Schleier verschwand um unvermittelt wieder aufzutauchen.

Und da kommt nun Amnon Zichroni ins Spiel. Lange Zeit erzählt auch er sein Leben, ohne dass eine Verbindung zur anderen Hälfte (des Buches) erkennbar wäre. Amnon hat die Gabe, die Gedanken anderen Menschen so zu erleben, als wären sie seine eigenen, als hätte er selbst alles erlebt, als wäre er selbst dieser andere Mensch.

Nach seinem Studium in den USA zieht er in die Schweiz, trifft Minsky und muss miterleben, wie Jan Wechsler dessen Geschichte als reine Erfindung aufdeckt.  Und irgendwann führt sein Weg zu einer Quelle in Israel.

Ein Buch, wie ich es bis jetzt noch nicht gelesen habe. Dabei hat mich weniger die Geschichte, als vielmehr die Form fasziniert.  Reale Gedanken vermischen sich mit Phantasien, wobei oft nicht klar ist, was nun was ist. Das alles läuft ab vor dem Hintergrund eine traditionellen jüdischen Lebens.

Es ist zugleich interessant wie befremdlich, wie es immer wieder an der Schnittstelle zwischen Glauben und Tradition einerseits und weltlichem Leben und Gegenwart andererseits zu Reibungen kommt. Teilweise nicht einfach, der Beschreibung von alten Riten zu folgen, aber eine wertvolle Erweiterung des Wissens und eine Hilfe zum besseren Verstehen ist sie auf jeden Fall.

Das ist eines der wenigen Bücher, die ich mir – wahrscheinlich – in einiger Zeit noch einmal zur Hand nehmen und ein 2. Mal lesen werde. Dann aber werde ich mit Amnon Zichroni beginnen und es wird sich mir ein ganz neue Sicht auf dieses Buch eröffnen. Da bin ich ganz sicher.

PS: mehr Details zu den Geschichten/der Geschichte  selbst lasse ich diesmal weg – einfach deshalb, weil in diesem Buch das Lesen für mich zum eigentlichen Inhalt wurde.



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top