Handke, Peter: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

verfasst am 11.01.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Erzählung, Handke, Peter

Selten ein Buch, dessen programmatischer Titel weithin bekannt ist, das aber wahrscheinlich von den wenigsten tatsächlich gelesen wurde; zumindest erging es mir bis vor kurzem so. Ich entdeckte das Büchlein unlängst während der Feiertage in der „Schulbuchssammlung“ meiner Frau, also höchste Zeit, diese Lücke zu schließen.

Handke erzählt die Geschichte des Monteurs, Josef Bloch, „der früher ein bekannter Tormann gewesen war“, der seine Entlassung aus einer für ihn eindeutigen Geste erschließt und die Bauhütte verlässt. Er zieht durch Wien, nimmt sich in einem Hotel ein Zimmer und geht ins Kino. Er besucht dieses Kino in der Folge wiederholt und baut eine Beziehung zu der Kassiererin auf, die ihm mit einer gewissen Selbstverständlichkeit begegnet.

Eines Abends folgt er ihr und spricht sie an. Sie nimmt ihn mit zu sich und Bloch verbringt die Nacht mit ihr. Am nächsten Morgen, sie fragte ihn nach seiner Arbeit, erwürgt er sie und macht sich mit dem Bus auf, um in eine Grenzstadt, in der eine frühere Bekannte als Pächterin ein Wirtshaus führt, zu gelangen. Er quartiert sich allerdings nicht bei dieser, sondern in einem Hotel ein.

Wir erleben Bloch als Menschen, der von Zwängen gesteuert ist, der die Innenwelt zur Außenwelt verkehrt und alles ständig hinterfragt. Außerdem, auch das kommt zweimal vor, prügelt er sich gern. Überhaupt ist er  ein diffuser Charakter: Manchmal höflich und zuvorkommend, dann aber wieder schroff, und meistens scheinen Menschen wie Dinge für ihn ohne Belang. In vielem, was ihm widerfährt oder was gesagt wird, vermutet er Anspielungen oder sucht Zeichen dahinter. (Handke ersetzt gegen Ende der Erzählung  für einige Zeilen die Buchstaben dann tatsächlich durch Zeichen.)

Bloch liest oft Zeitung, aus einer erfährt er, dass man ihm, dem Mörder, auf der Spur ist, was ihn aber in keinerlei Unruhe versetzt. Die letzte Sequenz endet am Fußballplatz dieser Grenzstadt. Hier darf Bloch seine Theorien, die Pate für den Buchtitel standen , einem Fremden, mit dem er ins Gespräch kommt, darlegen.

Weit faszinierender als die Geschichte ist – natürlich – die Sprache Handkes, die mittlerweile weit mehr als eine Generation von Literaten beeinflusst oder sogar geprägt hat. In knappen, schmucklosen Sätzen hängt oft eine unheimlich dichte Atmosphäre. Verschachtelungen oder aneinandergereihte Aufzählungen dienen dazu, die Handlung zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Man bekommt oft das Gefühl, dass hier, filmisch gesprochen, der Regisseur einen Zeitraffer oder eine Zeitlupe als Stilmittel eingesetzt hat.

Präzise Formulierungen schildern hier den Zeitgeist einer österreichischen Grenzstadt Ende der 19sechziger Jahre, als der eiserne Vorhang bestimmend für den Alltag der dortigen Bewohner war, deren einzige Unterhaltung am Ende der Woche, als der Zahltag die Taschen füllte, die Berauschung im Wirtshaus und der Tanz zur Musicbox war (was hat sich da eigentlich geändert?).

Auch wenn die Geschichte für mich in einigen Punkten etwas überzeichnet wirkte und Bloch für mich trotz der eindringlichen (fast aufdringlichen) Schilderung seiner Geisteswelt, gesichtslos bleibt, muss man konzedieren, dass Handke mit diesem Werk einen echten Klassiker geschrieben hat, der zurecht in fast jeder Bibliothek enthalten ist. Mein Tipp: Lesen lohnt.



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  • Kommentar von  wiili Piet am 28.04.2013 um 11:21 Uhr Uhr

    Also ich weiß ja nicht. Ich habe milerweile schon 3 bücher von Peter handke gelesen und dieses gefällt mir am wenigsten. abr ich habe auch schn weit schlimmere gelesen! Was mir ein wenig gefehlt hat, war etwas wie eine spannungskurve. Die ganze geschichte wird wie eine elendig lange wurst herundergebabbbelt, Plötzlich tötet er jemanden, und dann passiert wieder bis um ende gar nix! Also wer sich hier etwas spannendes erwartet is falsch!

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