Baricco, Alessandro: Seide

verfasst am 20.08.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Baricco, Alessandro, Romane

„Obgleich sein Vater eine glänzende Militärlaufbahn für ihn ins Auge gefasst hatte, bestritt Herve Joncour seinen Lebensunterhalt schließlich mit einem ungewöhnlichen Beruf, dem ironischerweise zudem ein so liebenswerter Zug anhaftete, dass er eine unbestimmte weibliche Färbung verriet. Für seinen Lebensunterhalt kaufte und verkaufte Herve Joncour Seidenraupen.“

So beginnt „Seide“ von Alessandro Baricco, eine wunderbar leichte und melancholische Liebesgeschichte, die das Begehren und die Sehnsucht in den Mittelpunkt stellt. Jedes Jahr Anfang Jänner bricht Herve Joncour zu einer abenteuerlichen Reise nach Afrika auf, um Seidenraupen für die Seidenproduktion in seinem südfranzösischen Heimatort Lavilledieu zu erwerben. Jeden „ersten Sonntag im April, gerade rechtzeitig zum Hochamt“ kehrt er wieder mit zwei großen Holzkisten zurück. Den Rest des Jahres rastet er sich aus oder unternimmt Reisen mit seiner Frau Helene.

Im Jahr 1861 befällt die Nosemaseuche die Seidenraupen in Europa und Afrika. Die Seidenproduktion in Lavilledieu steht vor dem Ruin, daher reist Herve Joncour nach Japan, damals noch vom Rest der Welt abgeschottet, um gesunde Larven zu kaufen. Nach dreimonatiger Reise trifft er auf der Insel ein und kauft in der Stadt Shirakawa von einem Provinzfürsten mit Namen Hara Kei nach längeren Verhandlungen Seidenraupen von hoher Qualität.

An Keis Seite befindet sich ein junges Mädchen mit „europäisch geschnittenen Augen.“ Einige kurze Blicke genügen und Herve Joncour, obwohl glücklich verheiratet, verliebt sich in die junge Japanerin. Jahr für Jahr wiederholt er die beschwerliche Reise, jedes Mal trifft er Hara Kei und immer befindet sich die geheimnisvolle Schönheit an seiner Seite. Doch im Jahr 1865 ändern sich die innenpolitischen Verhältnisse in Japan. Es kommt zu Aufständen gegen das System und zu fremdenfeindlichen Übergriffen.

Reisen auf den Inselstaat werden zu äußerst gefährlichen Abenteuern und in Lavilledieu herrscht große Unsicherheit. Und Herve Joncour muss sich entscheiden, ob er zu einer neuerlichen Reise aufbrechen soll oder es lieber bleiben lässt. Obwohl vom Verlag als Roman tituliert, würde ich „Seide“ aufgrund des geringen Umfangs eher als Novelle bezeichnen – in 65 Miniaturkapiteln erzählt Baricco auf knapp 130 Seiten die Geschichte.

Der Stil ist von einer gewissen Musikalität geprägt, da der Autor refrainartig lange und detailreiche Passagen wiederholt und sich einer Sprache bedient, die eine Leichtigkeit aufweist, die mich an ein Seidentuch erinnert.

„Seide“ ist ein weiteres hervorragendes Beispiel für den modernen poetischen Realismus in der europäischen Literatur.

Und außerdem gehts ruck zuck.



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