Vargas, Fred: Der verbotene Ort

verfasst am 26.11.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Vargas, Fred

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, Leiter der Brigade Criminelle in Paris reist mit seinem Stellvertreter Commandant Adrien Danglard und Brigadier Estalere nach London, um an einem europäischen Polizeikongress teilzunehmen. Während eines abendlichen Spaziergangs machen sie eine schreckliche Entdeckung. Vor dem legendären Friedhof Highgate, wo Charles Dickens und Karl Marx begraben liegen und Bram Stoker seine Lucy in „Dracula“ wandeln ließ, stehen aufgereiht 17 Schuhe.

An und für sich nichts Weltbewegendes, obwohl es Menschen gibt, die bei einer ungeraden Schuhanzahl prinzipiell skeptisch sind. Das Schreckliche war, das die Füße noch in den Schuhen gesteckt sind, an den Knöcheln abgesägt, teilweise schon verwest.

Zurück in Paris wird die Brigade an einen nicht minder schauerlichen Tatort gerufen. Der pensionierte Journalist Pierre Vaudel wird in seinem Haus ermordet aufgefunden. Allerdings wurde er nicht mit einer der herkömmlichen Methoden zu Tode gebracht, sondern in unzählige Stücke zerteilt, zermalmt, vernichtet, atomisiert, quasi völlig ausgelöscht. Von einer Leiche kann keine Rede mehr sein.

Die ersten Ermittlungen ergeben, dass es Adamsberg und seine Kollegen mit einem gefährlichen Psychopath zu tun haben, der nach einem bestimmten Kalkül vorgeht, da in Pressbaum bei Wien ein identischer Mord stattgefunden hat. Aber damit nicht genug: Durch einen Hinweis aus Danglards phänomenalen Gedächtnis erkennt der Kommissar eine Verbindung zu den Schuhen von Highgate. Laufend passieren unverständliche Ermittlungspannen, falsche Fährten werden gelegt, so als ob es innerhalb der Polizei jemanden gibt, der verhindern will, dass der wahre Mörder gefasst wird.

Adamsberg tappt anfangs noch im Dunkeln, aber ein kryptischer Brief des ermordeten Vaudel an eine Frau in Deutschland verweist auf den kleinen Ort Kiseljevo in Serbien und da wird man/frau natürlich hellhörig. In Kisiljevo verstarb nämlich 1725 der Bauer Peter Plogojowitz, von dem die Dorfbewohner behaupteten, er sei als Vampir wiedergekehrt. Nach seinem Tod verstarben in Kisiljevo mehrere Menschen nach kurzer, unbekannter Krankheit.

Manche behaupteten vor ihrem Tod, Plogojowitz habe sie aufgesucht. Die Dorfbewohner öfftnen das Grab, der Leichnam war unverwest, frisches Blut befand sich an seinen Lippen. Der Bericht eines österreichischen Beamten über diese Vorkommnisse stellt eines der ersten dokumentierten Zeugnisse über den Vampir-Glauben im Europa der Neuzeit dar – sagt zumindest Danglard und ich hab’s nachgeprüft: Stimmt!

Die 51-jährige Fred Vargas, mit bürgerlichem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau, ist in Frankreich ein literarischer Superstar und gehört zur ersten Liga der Kriminalschriftsteller weltweit. Die studierte Archäologin (sie schreibt ihre Bücher in den Ferien) hält nichts von strukturierten, durchschaubaren Gliederungen und berechenbaren Spannungsbögen.

Aber das Besondere an ihren Romanen sind trotz genial durchdachter Plots für mich die handelnden Personen, allen voran Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, den Vargas als einen Wolkenschaufler bezeichnet. Behäbig, träumerisch, mit verschleiertem Blick schleicht er durch die Handlung, von Entdeckung zu Entdeckung, von Detail zu Detail, ein Hohepriester der Empathie und geistigen Abwesenheit. „Wenn Adamsbergs verschleierte Augen sich in leuchtende Kugeln verwandelten, dann war er dicht an einem Wild oder einer Wahrheit dran.“

Sein Stellvertreter Commandant Adrien Danglard nicht minder skurill: Nahe an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, anglophil, weißweinsüchtig, Großmeister des nützlichen, als auch des unnützen Wissens, mit sehr vielen Phobien geschlagen, die das menschliche Unterbewusstsein im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Lieutenant Violette Retancourt, eine enge Vertraute von Adamsberg, ein Schrank von einer Frau, die im Stehen schlafen kann, aber nicht muss. Oder Abhörspezialistin Helene Froissy, gertenschlank, jedoch Daueresserin und wie ein Hamster überall Lebensmittellager anlegend, somit die gesamte Mordkommission ernährend. Der Rest der Pariser Mordkommission ist nicht weniger verhaltensorginell und somit ein Abbild der französischen Gesellschaft und ihres momentanen Präsidenten Sarkozy.

Die große Kunst von Fred Vargas liegt aber nicht nur in ihrem literarisch-eleganten Stil, sondern auch darin, dass sie eine anscheinend übernatürliche Geschichte am Schluss völlig logisch aufklären kann. Da bleibt keine Frage offen. Damit das Ganze nicht zu grauslich wird, führt die Autorin eine leichte Feder voll Humor und Ironie. Wenn man/frau die französischen Eigenarten ein bisschen kennt, ist es das falsche Buch, um sich das Schmunzeln abzugewöhnen.

Aber lange Rede kurzer Sinn: „Der verbotene Ort“ ist ein verboten guter Kriminalroman, der in allen Facetten, besonders in der Sprache, zu überzeugen vermag.


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