Buchbesprechung/Rezension:

Andrea Wulf: Der Reisende
Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit

Der Reisende
verfasst am 14.10.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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„Georg Forster – ein Mann der seiner Zeit weit voraus war und beinahe in Vergessenheit geraten ist“

Andrea Wulf, Autorin von insgesamt acht Büchern, darunter die Biografie von Alexander von Humboldt (1769-1859), hat sich mit „Der Reisende“ einer höchst interessanten wie komplexen Persönlichkeit gewidmet: Georg Forster (1754-1794).

Das Buch ist in vier Abschnitte geteilt, die jeweils noch zahlreiche Unterkapitel beinhalten:

  • Teil I Aufbrüche
  • Teil II Entdeckungen
  • Teil III Ambitionen
  • Teil IV Revolutionen

Georgs kindliche Neugierde wird von seinem Vater Reinhold (1729-1798), einem Pastor und Naturforscher, unterstützt. So kauft Reinhold dem kleinen sprachbegabten Georg das wohl bekannteste Werk des Botanikers Carl von Linné (1707-1778) „Systema Naturae“, unterrichtet den Kleinen selbst und nimmt ihn, als knapp Zehnjährigen auf James Cooks (1728-1779) Zweite Weltumsegelung (1772-1775) auf der „Resolution“ als Zeichner und Assistenten mit.

In den beiden ersten Abschnitten „Aufbrüche“ und „Entdeckungen“ schildert die Autorin das Leben an Bord der Resolution chronologisch. Dabei ist die Faszination, die die noch unbekannten Inseln, Pflanzen, Tiere und Menschen auf den jungen Georg ausüben, deutlich spürbar. Auch wenn das Leben an Bord vor allem wegen des streitlustigen Vaters, der bald alle Sympathischen verspielt hat, nicht einfach ist.

Als er die Polynesier kennenlernt, erschließt sich seine größte Lebensweisheit: Alle Menschen sind gleich. Und jene Völker, die Frauen mit Respekt und auf Augenhöhe behandeln, sind fortschrittlicher als jene, die ihre Frauen mit Worten und Taten misshandeln. Im 18. Jahrhundert ein wahrhaft revolutionärer Gedanke!

Womit ich hier den dritten Abschnitt, in dem Georg Forster versucht seinen Platz in der Wissenschaft zu finden und immer wieder durch Querschüsse seines cholerischen und intriganten sowie eifersüchtigen Vaters behindert wird, sowie auf Brautschau geht, ein wenig überspringe. Nach Stellungen in London, Göttingen, Kassel und Wilna verschlägt es ihn, nachdem eine Expedition im Auftrag der Zarin Katharina nicht stattfinden kann, 1788 nach Mainz, wo er an der dortigen Universität den Posten eines Bibliothekars annimmt.

Der vierte Abschnitt „Revolutionen“ hat mich besonders angesprochen, zeigt er doch, dass Georg Forsters Denken viele Jahre seinen Zeitgenossen voraus gewesen ist. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – die drei Schlagworte der Französischen Revolution faszinieren und beflügeln ihn. Seine revolutionären und politischen Schriften stoßen recht bald auf Unverständnis und Widerstand. Zahlreiche Freunde, wie die Brüder Humboldt wenden sich ab. Für wenige Monate des Jahres 1793 wird das Fürstentum Mainz zu einer Republik.

Als Abgeordneter des erste deutschen Nationalkonventes wird Georg Forster nach Paris entsandt und stirbt im Jänner 1794 nahezu mittellos. Den großen Terror, der letztlich auch Maximilien Robespierre und die Jakobiner hinwegfegen wird, wird er nicht mehr erleben.

Georg Forsters Werk gerät, auch wegen seiner Begeisterung für die Revolution, beinahe in Vergessenheit. 

Meine Meinung:

Ich habe vor kurzem Hamdon Sides‘ „Cooks letzte Reise“ gelesen, das mir die gewaltigen Leistungen der Kapitäne und ihren Mannschaften näher gebracht hat. Bei solchen Expeditionen sind immer zahlreiche Kartografen, Botaniker und andere Wissenschaftler wie eben Reinhold und Georg Forster dabei.

Der Auftrag an die Wissenschaftler ist neben der Entdeckung neuer Landstriche auch die Katalogisierung bislang unentdeckter Pflanzen- und Tierarten. Leider nicht immer zum Wohlergehen der autochthonen Bevölkerung. Dabei gibt es interessante Zugänge, wie uns Andrea Wulf an Hand von Forsters genauen Beschreibung des Brodbaums vor Augen hält. Georg Forster stellt fest, dass die Früchte des Brodbaums samenlos sind und deshalb durch Wurzelschößlinge vermehrt werden, während andere nur überlegen, wie man den Brodbaum kommerziell nützen kann, fragt er: Wo kommt der erste Brodbaum her? Forster forscht nach und erfährt, dass diese Stecklinge importiert worden sind. Eine Annahme, die erst 200 Jahre später durch eine DNA-Analyse bestätigt wird. 

Obwohl sehr viel Wissen vermittelt wird, liest sich diese Biografie sehr flüssig. Das liegt wohl auch daran, dass die Autorin aus zahlreichen Briefen und Schriften von Georg Forster zitiert und zahlreiche zeitgenössische Abbildungen eingefügt. Zusätzlich hat sie sich auf Georg Forsters Spuren begeben, hat in vielen Archiven nach ihm gesucht und ist einigen seiner Fahrten gefolgt. Auch der Untertitel „Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit“ hat mir sehr gut gefallen. Denn er sieht die Menschen bei seinen Entdeckungsreisen, während andere „Wilde“ sehen. Georg Forster gilt als aufmerksamer Ethnologie, der den Rassentheorien eines Immanuel Kant nicht viel abgewinnen und mit seiner Ablehnung rassistischer Hierarchien seiner Zeit weit voraus war.

Fazit:

Andrea Wulf gelingt es mit Leichtigkeit, Georg Forsters Leben auf knapp 600 Seiten so spannend zu erzählen, dass ich das Buch nicht weglegen konnte. Deshalb bewerte ich diese Biografie mit 5 Sternen und einer Leseempfehlung.




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