Buchbesprechung/Rezension:

Frank Tallis: Die Seele suchen
Freud, Wien und die Erfindung der Psychoanalyse

Die Seele suchen
verfasst am 01.07.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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„Das außergewöhnlich Paradoxon der Psychoanalyse besteht darin, dass sie rückwärts schaut, um vorwärtszukommen.“ (Kapitel 15)

Der Romanautor und klinische Psychologe Frank Tallis, den viele durch seine historischen Liebermann-Krimis kennen, beleuchtet auf brillante Weise Sigmund Freud (1856-1939) und seine Zeit. Wir erhalten in diesem Buch, das in 21 Kapitel gegliedert ist, Einblick in die Gedankenwelt eines vielseitig interessierten Mannes, der als Erfinder der Psychoanalyse gilt. Dabei enthüllt der Autor, dass Freud nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch in der Nachwelt polarisiert, wie kaum ein anderer. Trotzdem bemüht sich Frank Tallis, ein möglichst sachliches Porträt zu entwerfen. Er greift dazu auf den umfangreichen Briefwechsel Freuds, seine Tagebücher und die zahlreiche Patientenakten sowie Meinungen von Weggefährten und Gegnern zurück. Obwohl Freud die Namen in seinen Aufzeichnungen verklausuliert hat, ist es zahlreichen Forschern im Laufe der Jahre gelungen, die Klarnamen der meisten Patientinnen und Patienten zu enthüllen.

Vor uns entsteht ein Abbild eines brillanten, obsessiven und ehrgeizigen Person, die wenig Rücksicht auf andere nimmt. Selbst seine Patientinnen und Patienten sind davon nicht ausgenommen. Zunächst ist der junge Freud als Neurologe tätig und entwickelt die Hypothese, dass psychische Störungen als Folge traumatischer Erlebnisse anzusehen sind. Bislang hat man psychische Störungen als körperliche Krankheiten des Gehirns angesehen. Mit seiner Annahme der traumatischen Erinnerungen als Ursache ist er nicht der erste, aber derjenige, der diese Hypothese zu beweisen versucht.

Frank Tallis widmet sich neben dem Arzt und Psychoanalytiker auch dem Privatmenschen, der an manchen Stellen als gar nicht so freundlich und konziliant beschrieben wird und deshalb nicht gar so gut wegkommt. Vor allem seine Beziehung und spätere Ehe mit Martha Bernays, die in den verschiedenen Biografien über Freud unterschiedlich beurteilt wird, wird von Tallis als nicht besonders harmonisch beschrieben. Zudem gibt es mehr oder weniger deutliche Anspielungen auf eine Bisexualität von Sigmund Freud. Auffallend ist, dass in diesem Porträt die Rolle seiner Tochter Anna (1895-1982) kaum Erwähnung findet. Die unverheiratete Anna hat ja zahlreiche Rollen für ihn übernommen: Privatsekretärin, Übersetzerin, Vertretung bei Vorträgen und bis zu seinem Tod im Exil 1939 in London auch Krankenpflegerin. Und das alles ohne Bezahlung oder auch nur ein Wort der Anerkennung. Ihre eigenen Ideen werden vom Vater nicht immer ganz ernst genommen. So mancher Leser wird jetzt einwerfen, dass das zu jener Zeit einfach üblich war, dass unverheiratete Töchter, gegen Kost und Logis,  die Care-Arbeit zu übernehmen hatten.

Dieses Porträt von Sigmund Freud kann nicht von der Epoche losgelöst betrachtet werden. Ohne das Fin de Siècle mit seinem (jüdischen) Großbürgertum, ohne der Wende zum 20. Jahrhundert, ohne die Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Habsburger-Monarchie hätte Freud vermutlich nie diese Bedeutung erlangt.

Manche Thesen und Behandlungsmethoden von Sigmund Freud mögen heute vielleicht überholt sein. Sigmund Freud ist ein Kind seiner Zeit und ein Sohn einer Großstadt zwischen Tradition und Moderne.

„Auch wenn wir nicht mit Freud übereinstimmen, ist es unmöglich, seinen Einfluss zu leugnen.“

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser detaillierten und penibel recherchierten Biografie, die durch sachliche Kompetenz besticht, 5 Sterne.




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