Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

verfasst am 19.09.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Lüscher, Jonas

Frühling der Barbaren

Der schweizer Fabrikant Preising geht gerne spazieren; und er erzählt gerne von alledem, was er erlebt hat. Ausführlich ist regelmäßig beides: der Spaziergang und die Erzählung, hat Preising doch genügend Zeit für diese seine Leidenschaften.

Was er diesmal zu erzählen hat, das passt so perfekt in unsere Zeit: wie er während eines, nur sehr oberflächlich als Geschäftsreise getarnten, Urlaubes in Tunesien dabei ist, als die Nachricht vom Staatsbankrott Großbritanniens die vor Ort befindlichen Engländer wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft. Gerade noch die selbstgekrönten und neureichen Finanzgurus Europas (wenn schon nicht der ganzen Welt), jetzt die armen Schlucker.

Dabei hätten sie es vorhersehen können, die Engländer: verschwenderischer, großspuriger, überheblicher – es war schon früher einmal so und danach kam der Schwarze Freitag. Nun geht der Crash von England aus und schwappt bald von der Insel auf den Kontinent und weiter.

Menschen, die es sich angewöhnt hatten, mit Unmengen von Geld um sich zu werfen haben von einem Moment auf dem nächsten keinerlei Mittel mehr. Kein Kredit, keine Reserven nur unbezahlte Rechnungen. In dem fernen Land, ohne Aussicht, sich die Rückkehr in die Heimat leisten zu können, als nicht einmal mehr die Telefone funktionieren, regieren bald Angst, Ohnmacht, Wut. Und Schluss ist es mit zivilisierter Zurückhaltung, jetzt geht es für jede/n nur noch um sich selbst und die Anarchie greift um sich.

Preising, mitten drinnen, erlebt, wie die gerade noch im Überschwang feiernden Engländer mit einem Schlag aus ihrer heilen Welt gerissen werden. Kein Geld = kein Mensch. Eine einfache Formel, und deshalb passt sie auch so exakt für das, was folgt: wie es einem ergehen mag, wenn man überzeugt war, meilenweit über den einfachen Bewohnern des Gastlandes zu thronen; wenn nun aber diese, gar nicht so abhängig von Währung und Krediten, mit dem Leben weit besser zurecht kommen.

Preising, als Schweizer, wird von dem Tumult nicht mitgerissen; und überhaupt wäre er auch keiner, der sich irgendwohin mitreissen ließe. So bleibt ihm, dem Aussenstehenden, das zunehmend archaische Treiben der Engländer zu verfolgen; und zu erleben, wie sich im Sog der Finanzkrise auch gleich selbsternannte Anführer in Tunseien das Schwert ergreifen um damit den Teufel namens Kapitalismus und Demokratie zur Strecke zu bringen.

Zwei Meinungen habe ich zu dieser Novelle:

Die erste (Meinung) bezieht sich auf die Beschreibung der Menschen, der Örtlichkeiten, auf die Gespräche: dabei gelingt es Jonas Lüscher, ganz reale Vorstellungen zu erzeugen. Alles wird lebendig, 3-dimensional, wenn man so will. Man erkennt die Farben, riecht die Gerüche, hört die Stimmen und sieht die Menschen förmlich. Lüscher schildert ungemein detailreich, lässt nichts aus, um etwas in möglichst vielen Einzelheiten darzustellen.

Das erzeugt dann einerseits diese ungemein plastischen, greifbaren Bilder, wird aber hin und wieder auch etwas langatmig.

Die zweite, geteilte (Meinung) bezieht sich auf die Atmosphäre: vielleicht steht ja dieser Detailreichtum der Beschreibungen im Wege, aber die mit Worten niedergeschrieben Stimmung wollte und wollte nicht zu mir überspringen. Vielmehr war es für mich wie eine Chronik, in der eben einem dem anderen folgt, ohne dass dabei die Ereignisse ineinander fließen. Es fehlt der atmosphärische Zusammenhalt, das, was aus den Einzelteilen ein vollständiges und damit noch größeres Ganzes macht.

Erst in den letzten Abschnitten, als das Unheil über die Engländer und damit auch über ihre tunesischen Gastgeber hereinbricht, stellen sich Spannung und Dynamik ein. Nun wird die Novelle zu einer wirklich dichten Beschreibung von Menschen und Ereignissen, nun wird sie wirklich zu einem Leseerlebnis. Lüscher schreibt über ein Szenario, das so hätte sein können (oder das irgendwann so sein könnte?) und es erscheint wahrhaft nicht unmöglich.

Eine mit sehr einprägsamer Sprache geschriebene Novelle, die im übrigen nicht verrät, dass es sich dabei „erst“ um das Debut des Autors handelt. Im Gegenteil: hier schreibt jemand, der es versteht, jedes Wort genau zu platzieren, jemand von dem man annehmen möchte, er würde schon seit vielen Jahren nichts anderes tun.

„Frühling der Barbaren“ steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013


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