Arkadi Babtschenko: Ein guter Ort zum Sterben

verfasst am 26.10.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Babtschenko, Arkadi, Zeitgeschichte

Artjom und seine Truppe warten auf ihren Einsatz. In einem ungemütlichen, feuchten, kalten und nassen Zelt, in bedrückender Stille. Im Krieg gegen die „Tschechos“ kommt es in Alchan-Jurt, in der Nähe von Grosny,  zu einem Einsatz. Die Soldaten gehen von einem kurzen Manöver aus. Doch was auf sie wartet ist der Tod.

Stabschef Kapitän Sitnikow leitet den Einsatz. Im Sumpf rund um das Dorf Alchan-Jurt warten die Soldaten ausgefroren und ausgehungert auf das Kommando. Völlig durchnässt und verdreckt liegen sie in ihren Stellungen. Mit feuchten Handschuhen, die die Wärme nicht halten, kommt es Artjom in den Sinn, welch einzig idiotischer Albtraum hier abgeht.  Was tut er hier bloß? Artjom ist  ein 23jähriger junger Mann aus Moskau mit juristischer Hochschulbildung. Was tut er auf diesem fremden Feld, kilometerweit weg von zuhause, in einem fremden Land?

Er stellt sich die Sinnfrage. Wozu ist er mit einer  Maschinenpistole bewaffnet? Und: wozu überhaupt dieser Krieg? Nach allen Gesetzen der Logik dürfte er hier nicht sein.

Tschetschenien… Was ist ihr Auftrag? Sollen sie Alchan-Jurt einnehmen? Keiner der Soldaten weiß eine Antwort. Und sie bekommen auch keine. Mit Granatwerfer und Infanterie rücken sie vor. Dann warten sie im Dreck. Doch in dem Ort herrscht Stille. Nichts von Krieg. Keine Menschenseele. Grabesstille. Ein beschissener Ort.

Die Soldaten warten als Kanonenfutter. Noch kein einziges Mal hat irgendjemand ihnen auf menschliche Art eine Aufgabe übertragen. Sie wurden losgeschickt und hatten zu gehen. Verrecken ohne zu murren, das war ihre Aufgabe. Und warten. Und nichts denken. An gar nichts denken – diese Fähigkeit hat sich Artjom in diesem grausamen Zustand des Wartens und der Sinnlosigkeit des Krieges als Selbstschutzprogramm angeeignet.

Bald ist Rückzug angesagt, es gibt in dem Dorf nichts zu tun. Plötzlich eröffnet ein Scharfschütze das Feuer. Der sinnlose Einsatz beginnt. Die anfängliche Panik um das eigene Leben ist plötzlich wie verflogen. Es kommt Leben in die Männer, trotz Kälte und Nässe beginnen ihre Leiber zu schwitzen und zu dampfen. Das Adrenalin schießt ein und es geht nur mehr um das Töten und das eigene Überleben.

Ein Geschoss der russischen Truppen durchbricht hat eine Hauswand und detoniert im Inneren des Gebäudes. Dabei wird ein achtjähriges Mädchen getötet. Artjom, in seiner Angst um das eigene Leben, hat den Befehl zu schießen bereitwillig ausgeführt. Die eigene Angst ist jene Emotion, die einen Soldaten gefährlich macht. Dass Artjom ein Kind getötet hat, stürzt ihn in einen psychotischen Zustand. Seine Hände. Seine verfluchten Hände. Abschneiden! Wegwerfen! Er wird sie nie wieder sauber kriegen. Blut klebt dran.

Hier, im Krieg in Tscheschenien, ist Artjom gestorben. Der Mensch in ihm war gestorben – und ein Soldat geboren. Leer und gedankenlos, mit Kälte im Herzen und Hass auf die ganze Welt. In ihm ist kein Bedauern, kein Schmerz. Nur Wut.

Noch weiß er nicht, was ihm bevorsteht. Ein Krieg, in dem die Stadt Grosny gestürmt werden soll. Für die Soldaten in Russland ist der Krieg in Tschetschenien eine sinnlose Todesfalle.

Ein kurzweiliges Buch, das einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Dabei wird vom Autor kein einziger Tod eines Menschen wird direkt beschrieben. In dieser kurzen Geschichte ist die Rolle der Soldaten an vorderster Front, ihre Rolle als Kanonenfutter, dramatisch beschrieben. Warten auf den sinnlosen Befehl des Einsatzes der Soldaten, als kleine Rädchen in einer großen Maschine die Krieg heißt. 


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