Zachary Mason: Die verlorenen Bücher der Odyssee

verfasst am 29.06.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Mason, Zachary

Ein Buch, das die Kritiker lieben, eines das man unter den Empfehlungen findet, welche Bücher man in diesem Sommer an den Strand, auf die Insel oder auf den Balkon in den Urlaub mitnehmen soll. Ein Buch, das als Debüt hochgejubelt wird. Das musste ich haben, nachdem es von Walter Sichrovsky im Literaturmagazin „Erlesen“ (auf ORF III) empfohlen wurde !

Meine Erfahrungen mit Kritiker-Buchlieblingen ist bislang diese: die Hälfte der empfohlenen Bücher finde ich toll, die andere Hälfte mag ich überhaupt nicht. Das ist gut so, denn wo kämen wir denn hin, wenn alles gleich bewertet würde?.

Nun, dieses Buch fällt weder in „toll“ noch in „gar nicht“. Es ist einfach eine nette Sache, wenn jemand, wie hier der Autor Zachary Mason mit seinem Debütbuch, seine Kreativität an den Irrfahrten des Odysseus ausprobiert und man stellt fest: es ist ihm wirklich viel dazu eingefallen. Was alles dem gutem alten Odysseus wiederfahren sein könnte, vor, während und nach dieser Geschichte mit Troja, Agamemnon, Achilleus und all den anderen Helden und Göttern.

Nicht nur seine Abenteuer werden dabei neu erfunden, auch Odysseus selbst wandelt seinen Charakter und seinen Lebenslauf mehrmals. Das Quasi-Versprechen aus dem Vorwort, es seien dies die Übersetzungen neu aufgefundender alter Schriften, kann das alles aber nicht erfüllen.

Erdacht hat der Autor 44 manchmal amüsante, manchmal skurrile, gelegentlich originelle und hin und wieder auch echt obskur-abwegige Erzählungen, die jeweils immer nur wenige Seiten einnehmen. Ein erfreulich kurzweiliges Lesenvergnügen, weil man alle paar Minuten – länger braucht man nicht für eine der kurzen Geschichten – wieder ins Meer, in den See oder unter die Dusche hüpfen und mit dem Urlaub weitermachen kann.

Meine Annahme ist, dass Zachary Mason die Odysseus-Troja-Sage in die Gegenwart transferieren wollte. Das ist aber gründlich in die Hose gegangen, zu aufgesetzt und klischeehaft wirken die modernisierten Charakterzüge und Taten. Steht ein anderer Gedanke dahinter, dann verbarg er sich konsequent.

Dazwischen findet man auch ein paar Geschichten, bei denen es mehr Spaß machen würde, gleich ins Wasser zu springen, anstatt sie zu lesen – aber bei insgesamt 44 bleiben noch genug recht gut gelungene (Geschichten) übrig um daraus insgesamt ein einigermaßen vergnügliches Buch zu machen. Bleibt aber noch eine Frage: warum eigentlich steht auf dem Umschlag „Roman“, obwohl es doch gar keiner ist? 

Was an diesem Buch für eine Empfehlung in einem Literaturmagazin gereicht hat, das habe ich nicht herausfinden können. Aber eine Empfehlung, das „Original“ von Homer (das seit Jahrzehnten ganz oben im Bücherregal verstaubt) wieder einmal zu lesen ist es allemal.


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