Paul Rosenhayn : Elf Abenteuer des Joe Jenkins

Man liest entspannt und freut sich an den Abenteuern des Detektives Joe Jenkins. An der Sprache erkennt man, dass diese Krimi-Kurzgeschichten nicht aus dem 21. Jahrhundert stammen sondern wohl schon vor einige Jahrzehnten geschrieben wurden . Dann sieht man genauer hin und da steht: erstmals erschienen im Jahr 1915 – und das ist dann doch ausgesprochen erstaunlich.

Erstaunlich deshalb, weil sich Euopa im Jahr 1915 mitten im 1. Weltkrieg befand und weil ein deutscher Schriftsteller in Zeiten von ausuferndem Hurra-Patriotismus (nicht nur in Deutschland, in ganz Europa) einen Amerikaner zu seinem Romanhelden machte. Und den dann auch noch in halb Europa ermitteln ließ.  Neben Deutschland auch im – damals, wenn man der damaligen Stimmung von Politik, Presse und Volksseele folgt, verhassten – Frankreich und England (und in Schweden auch, aber das war ja neutral).

Vom Tally-Ho! Verlag wurden die zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung äußerst erfolgreichen Geschichten aus dem Archiv geholt, abgestaubt, ein wenig renoviert und nun neu aufgelegt.  Elf Kurzgeschichten, in denen man vor allem viel vom Geist und über das Leben jener Zeit erfahren kann. Wie die Menschen miteinander sprachen und umgingen, von welchen gesellschaftlichen Konventionen sie damals noch gefangen waren, wie es sich so lebte vor rund 100 Jahren, als bei uns noch die Kaiser herrschten.

Joe Jenkins soll wohl so etwas wie eine Melange aus Hercule Pirot und Sherlock Holmes sein. Er ist ein weltbekannter Detektiv, bei dessen Erscheinen alle (Polizei inklusive) vor Ehrfucht erblassen, ein Mann um dessen Hilfe man bittet, wenn niemand sonst mehr weiter weiß. Ein Superheld, verkleidet als Detektiv, gewissermaßen. Die Rückkehr nach Amerika wird ihm durch die Seeblockade der Alliierten verwehrt, zu gefährlich wäre die Schiffspassage über den Atlantik – dies ist einer der wenigen Verweise auf den Krieg, die man in den Geschichten findet (Diese Abwesenheit des Grauens wird vielleicht auch Teil des Erfolges der Geschichten bei der Leserschaft gewesen sein). So bleibt der Superdetektiv in Europa und wird zu den unglaublichsten Fällen zu Hilfe gerufen.

Der Grund, warum Joe Jenkins in den folgenden Jahrzehnten in Vergessenheit geraten ist, liegt m.A. darin, dass ihm, im Gegensatz zu seinen berühmten Berufskollegen, die auf den Leib geschriebene Genialität und der literarische Scharfsinn fehlen. Wenn Jenkins ermittelt, dann löst sich der Fall mehr oder weniger von alleine, als LeserIn findet man meistens nichts, was eigenes Mitkombinieren erfordert oder ermöglicht.  Die unauffällig in der Handlung platzieren Spuren, mit deren Hilfe Miss Marple, Holmes oder Poirot ihre Fälle zu lösen pflegten (und wir als LeserIn uns an der Mördersuche beteiligen konnten), fehlen hier. Und die Lösung eines Falles ist dann auf einmal da, Jenkins sei Dank.

Womit die Kurzgeschichten weniger durch Spannung als eben durch ihre Beschreibung der Lebensart jener Zeit ihren Reiz gewinnen. 

Für mich hat das aber vollends ausgereicht um eine vergnügliche Lesezeit zu haben. Nicht anstrengend, ohne Herausforderung an die eigene Kombinationsgabe aber allemal bestens passend als Zwischendurch-/Urlaubslektüre.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top