Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

verfasst am 13.12.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bryson, Bill, Sachbücher

Weil wir es meistens vergessen, oder einfach nicht daran denken: neben den paar ganz großen, weltbewegenden Erfindungen/Errungenschaften gibt es eine schier unendliche Zahl an kleinen, unbekannten, nicht beachteten. Aber die haben es in sich, denn ohne sie gäbe es unsere heutige Welt nicht (zumindest nicht in dieser Form).

Bill Bryson hat sich wieder einmal an ein „kleines, überschaubares“ Thema heran gewagt: all die kleinen Dinge aus unserer Umwelt, die wir als selbstverständlich nehmen, vor den Vorhang zu holen und ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zu erweisen.  Alle diese Dinge sind es natürlich nicht geworden, aber eine ganze Menge, an die kaum jemand bewusst denkt.

Die Erfindung des Rades werden wohl die meisten Menschen als einen Meilenstein unserer Geschichte ansehen (auch wenn wir die Erfinder nicht kennen), ebenso die der Dampfmaschine, des Telefones usw. Aber was ist denn eigentlich mit der Türe? Oder dem Fenster? Wie kamen wir zu einem Bett und auf welchen Matratzen pflegte man sich früher – eher schlecht als recht – zu betten? Wann gab es bei einer Operation eine Narkose? Wie wurde aus der Baumwollpflanze ein Baumwollhemd? Wie kam der englische Rasen in unsere Gärten? Wie wuchs unsere Umwelt zu dem zusammen, was wir heute kennen und wie lange hat das eigentlich alles gedauert?

Hauptsächlich aus britischer und ein wenig aus US-amerikanischer Sicht erzählt Bryson schwungvoll über die Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte, wer für seine Erfindungen berühmt wurde und wem dieser Ruhm niemals zuteil wurde. Amüsante Anekdoten wechseln sich ab mit der Schilderung der oftmals menschenunwürdigen Verhältnisse (von wegen gute alte Zeit) in der die Mehrzahl der Menschen früher leben musste.

Bryson gibt sich nämlich nicht mit erfundenen Dingen zufrieden, er beschreibt auch die Welt und die Umstände. Da ist aus heutiger Sicht meist befremdlich und verusacht oft Übelkeit.  Und wenn man nun bedenkt, dass es einige Ecken auf dieser Welt gibt, in denen es heute nach wie vor so ähnlich zugeht wie früher hier bei uns, dann können wir uns ordentlich glücklich schätzen. Und hin und wieder etwas für die anderen, weniger priviligierten, tun.

Einiges von dem was Bryson berichtet ist den meisten von uns wohl bekannt und wird in diesem Buch gewissermaßen nur aufgefrischt, viele neue Details machen dabei das Bekannte lebendiger und ganz viel, das wir (oder sagen wir besser: viele von uns) vorher nicht wussten, rundet das Bild ab. Das alles zusammen in eine schwungvolle, fast liebevolle Form zu bringen schafft Bryson wie kein zweiter!

Durch das Vorhaben, möglichst Vieles zu erwähnen, bleiben natürlich viele Informationen unerwähnt. Für alle, die sich in das eine oder andere Thema detaillierter einlesen wollen, ist am Ende des Buches eine sehr umfangreiche Quellensammlung angeschlossen (an der man sieht, wieviel Arbeit in diesem Buch steckt). Wer will, kann sich also im Anschluss durch eine Vielzahl weiterer Werke lesen.

Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge ist gleichermaßen ein Sachbuch (eines über Geschichte und Naturwissenschaften) und ein amüsanter Roman.  Doch leider, leider werden nicht alle Fragen beantwortet, dafür reichen die fast 600 Seiten nicht. Und ausserdem: mit jeder Erklärung, Antwort oder Geschichte tauchen gleich wieder neue, weitere Fragen auf.  Logisch, dass man man dabei gleich unverschämt wird und alles wissen wollen würde.

Nach meinen Gefühl hat die Begeisterung die Übersetzerin manchmal ein wenig über die Stränge schlagen lassen. Da erscheinen mir ein paar Formulierungen fast wie wortwörtlich übersetzt, gleiten einzelne Sätze ein bisschen zu sehr ins Kalauerhafte ab. Doch das trübt das Vergnügen kaum, mir machten auch diese Mini-Sprachhoppalas fast genauso viel Spaß wie das Buch selbst – nur musste ich manchmal einen Satz mehrmals lesen, um dem sprachlichen Übermut folgen zu können.

PS: Die Beschreibung aus dem Blickwinkel der englischsprachigen Welt hat natürlich den klitzekleinen Nachteil, dass es wenig darüber zu lesen gibt, was ausserhalb erfunden und erdacht wurde (Europa, Asien, Afrika…) Vielleicht erbarmt sich jemand und schreibt ein Buch darüber?


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