Arno Geiger: Alles über Sally

verfasst am 11.09.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Geiger, Arno, Romane

Alfred und Sally, seit 30 Jahren verheiratet, verbringen gerade ihren Urlaub in England, als sie einen Anruf bekommen, dass in ihrem Haus eingebrochen worden ist. Sofort machen sie sich auf den Weg zurück nach Wien, wo sie ihr kleines Häuschen am Stadtrand in absoluter Vernichtung vorfinden. Aufgrund der unterschiedlichen Verarbeitung dieses Traumas beginnen Alfred und Sally je für sich ein Resumee ihrer gemeinsamen Ehe zu ziehen.

Eigentlich bemerkt Sally schon während des Urlaubs,  wie sie sich und ihre Beziehung zu Alfred verändert hat. Früher als angenehme empfundene Gewohnheiten empfindet sie mehr und mehr als unangenehm, unangepasst und komisch.

Sally, mittlerweile ein wenig über Fünfzig,  war als Teenager  aus ihrem Elternhaus ausgebrochen und hat Alfred in Kairo kennengelernt. Sie haben geheiratet und drei Kinder, auf die beide sehr stolz sind. Er arbeitet in Wien in einen Museum. Sie haben sich als junges Paar ein kleines Häuschen am Rande von Wien gekauft, haben aus ihrer kämpferisch kritischen Jugend heraus einen „bürgerlichen“ Aufstieg gemacht. Sally empfindet dies selbst immer mehr als Niedergang und der Gesinnungswandel vom kritischen Menschen zum Spießbürger  –  gerade bei ihrem Mann – beginnt immer mehr zu nerven. Vor allem seinen Thrombosestrumpf und das für Alfred so wichtige Getue um den hässlichen Strumpf findet sie ziemlich sonderbar und abstoßend.

Während sie aktiv das vom Einbruch verwüstete Haus renoviert schreibt Alfred antriebslos, schwermütig und ständig hinterfragend, warum der Einbruch gerade sie getroffen hat, sehr zurückgezogen täglich  in sein Tagebuch.

Sally will ein neues Leben beginnen, Alfred hängt an der bisherigen Routine. Das  bringt sie in einen großen Zwiespalt und stellt sie vor eine unlösbare Aufgabe.

Sally legt sich einen Liebhaber zu, betrügt Alfred mit Erik, dem Ehemann ihrer Freundin Nadja. Es geht um genussvollen Sex und trotzdem schläft sie auch weiterhin mit ihrem Ehemann, eher aus Pflichtgefühl?

Plötzlich lässt sich Erik von Nadja scheiden, aber nicht wegen Sally, sondern um mit einer jungen Russin nochmals um das Gefühl der Verliebtheit ganz nah spüren zu können. Er will seine Ehe, die keinen Pepp mehr hat,  mit Emotionen und neuem Erleben eintauschen. Sally war nur ein Vorgeschmack auf ein solches Leben, ein Seitensprung und Abenteuer.

Der Betrug Eriks mit einer anderen Frau bringt Sally zurück zu Alfred, zurück in die von ihr so verhasste spießbürgerliche Routine. Aber letztendlich ist auch Alfred nicht blind gewesen. Am Ende des Buches beschreibt er in einem Monolog über seine Eindrücke der letzten Monate seiner Ehe, seinem Leiden und seiner Furcht, von Sally verlassen zu werden.

Eine Geschichte, spannend und kurzweilig erzählt, vordergründig aus der Sicht von Sally. Lesenwert!


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  • Kommentar von  Doris am 06.10.2011 um 16:23 Uhr Uhr

    Ich bin begeistert von diesem Buch. Arno Geiger beschreibt meisterhaft das Beziehungskonstrukt zwischen zwei Menschen die viele Jahre zusammenverbringen sich kennen und doch auch nicht. Kein vorgegaukelter Holywood-Kitsch sondern die Erzählung der wahre Komplixität einer langjährigen Beziehung, so wie wir sie Tag täglich vorfinden. Arno Geiger hat es meisterhaft geschafft den Leser hinter die Kulisse einer langjährigen Ehe blicken zu lassen ohne zu langweilen.

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