Pynchon, Thomas: Die Versteigerung von No 49

verfasst am 07.04.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Pynchon, Thomas, Romane

Das Bedürfnis des Menschen Zusammenhänge zu erkennen bzw. zu konstruieren steht im Mittelpunkt dieses Frühwerks des mysteriösen Schriftstellers. Neben Erkenntnis und Orientierung kann dies aber auch schnurstracks in eine ausgewachsene Paranoia führen, wie die Hauptperson dieses Romans Oedipa Maas am eigenen Leib verspürt. Und damit wären wir wieder im Universum von Thomas Pynchon angelangt.

Oedipa Maas wird Mitte der 1960-er Jahre nach dem Tod ihres Ex-Liebhabers Pierce Inverarity zur Testamentvollstreckerin seines nicht unbeträchtlichen Vermögens bestimmt. Sie reist nach San Narciso in Kalifornien, der Homebase von Inverarity, um sich einen Überblick bezüglich seiner Immobilien und Firmenbeteiligungen zu verschaffen. Im Zuge ihrer Recherchen stößt sie in Zusammenhang mit einer Briefmarkensammlung des Verstorbenen auf ein geheimnisvolles Symbol, so eine Art Posthorn mit aufgesetztem Schalldämpfer.

Oedipa scheint einer Geheimorganisation, möglicherweise einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Glaubt sie jedenfalls. In weiterer Folge entdeckt sie laufend Hinweise, wobei der geheimnisvolle Name Tristero eine zentrale Rolle spielt. Es dürfte sich um ein anarchistisches Kommunikationssystem mit dem Namen W.A.S.T.E. (We Await Silent Tristero’s Empire) handeln, quasi ein Postnetz im Untergrund, speziell für Menschen die kein Vertrauen in das staatliche Postmonopol haben.

Da fällt mir ein, dass auch meine Briefsendungen hin und wieder auf dem Weg vom Briefkasten zum Empfänger verlustig gehen und da wird wohl nicht immer ein wissensdurstiger oder schlampiger Postler seine Finger im Spiel haben, sondern wahrscheinlich eher eine übergeordnete, viel zu neugierige Instanz. Oedipa vermutet, dass die Wahrheiten über dieses Alternativnetz verbreitet werden und die Lügen, Intrigen und Abscheulichkeiten der Bevölkerung dem staatlichen Postsystem vorbehalten bleiben.

Gegründet wurde die geheimnisumwitterte Organisation in Europa in den turbulenten Jahren zu Beginn der Neuzeit, als Gegenpol, um dem Thurn & Taxis-Monopol der Briefzustellung entgegenzutreten. Der Kampf zwischen staatlichen Monopolisten und den alternativen Tristero-Rebellen zieht sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart.

Plötzlich verschwinden immer mehr Menschen aus Oedipas Umfeld und die Unterscheidung, was ist Fiktion und was die Wirklichkeit verschwimmt immer mehr. Ein veritables Dilemma. Schräge Charaktere bevölkern die Szenerie: Radiomoderatoren auf LSD, Rechtsanwälte, die Schauspieler sein wollen und Schauspieler, die Rechtsanwälte darstellen möchten, Musiker in andauerndem Drogenrausch – Abziehbilder eines Amerika, das bei Pynchon wie üblich nicht sonderlich gut weg kommt.

Köstlich wie immer die kreative, tiefsinnige Namensgebung der Protagonisten, die humorvollen historischen Exkurse oder die wahnwitzigen Songtexte – anscheinend eine besondere Leidenschaft dieses besonderen Autors.

Fazit: „Die Versteigerung von No. 49“ ist einer der ersten Romane, die in die Kategorie „Postmodern“ fallen und immer noch einer der besten dieses Genres.

Weiteres Fazit: Mit 200 Seiten Umfang ist dieses Werk für Pynchonsche Dimensionen ein echter Lercherlschas. Da ist man/frau flott durch, fast so wie wenn sie einen Eilbrief aufgeben und hoffen das er auch ankommt.



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