Wooten, Viktor L: Music Lesson

verfasst am 13.04.2010 von | 4 Kommentare
Rubriken: Romane, Wooten, Viktor L.

Nicht selten passiert es, dass durchaus erfolgreiche Musiker das Metier wechseln und sich ebenso erfolgreich als Romancier versuchen. Sven Regener oder Nick Cave sind da wohl nur ein kleines Segment aus diesem Kreis. Aber was erwartet einen, wenn einer der talentiertesten Musiker unserer Zeit einen Roman schreibt, der ein Lehrbuch ist?

Zur Einführung für jene, die Victor Wooten nicht kennen: Er ist einer der herausragendsten Bassisten (Elektrobass), den er als Meister seines Metiers wie eine ganze Combo klingen lassen kann. Vor allem aber hat er etwas, was vielen technisch versierten Instrumentalisten oftmals fehlt: Musikalität. Und genau darüber handelt letztlich sein Lehrbuch, das kein Lehrbuch sein will.

Die überschwänglichen Zitate von Besprechungen der amerikanischen Originalausgabe legen die Latte hoch. Der Untertitel „Die Geschichte einer Suche nach Wahrheit, Weisheit und Vollendung“ verunsichert mich zunächst ein wenig.

Bereits das Vorwort weckt aber Spannung, vor allem dadurch, weil sich der Erzähler von Anfang an selbst widerspricht, um mit gewissen seiner Aussagen in einen offenen Diskurs zu treten.

Der Erzähler, Victor, ist ein arbeitsloser Musiker, der auf seine Chance wartet und eines Tages Besuch von einem seltsam gekleideten Menschen namens Michael erhält, der sich mit den Worten „Ich bin dein Lehrer“ vorstellt. Schnell wird klar, dass dieser Michael etwas Besonderes ist und Victor die Musik lehren wird, indem er ihn das Leben lehrt. Die Lichtfigur hat etwas Engelhaftes an sich (obwohl der Erzähler die Gestalt insoweit relativiert, als er zugibt, sie könnte auch einem Teil seines Gehirn entsprungen sein) und sie verbringt während der diversen Lektionen auch recht wundersame Sachen. Michael scheint tatsächlich ein Weiser zu sein und seinen Zugang zur Musik gefunden zu haben. Seine Lehrmethode besteht darin, dass man einem Menschen nichts beibringen, sondern ihm nur etwas zeigen kann. Der Mensch könne ohnehin alles, was er wolle (diese Art der Motivation ist mir aus diversen Sachbüchern zum Thema Kindererziehung nicht unbekannt).

Das Buch ist gegliedert in zehn Lektionen oder Kapitel, die für mich als ehemals versuchten Musiker (ich brauche wohl das Instrument nicht zu erwähnen) durchaus interessante Zugänge eröffnet haben oder ein Bauchgefühl, das man als Autodidakt mit den Jahren in sich trägt, bestätigt hat. Wir lernen davon, dass Noten nicht das Wichtigste sind, Ausdruck, Dynamik und Rhythmus (in diesem Fall) Groove, die elementaren Bausteine der Musik sind. Wesentlich scheint mir vor allem die (beinah zentrale) Aussage: Weniger ist mehr. Die Stille (Pause) sei das stärkste Stilmittel.

Diese Sachen werden in teils amüsante Episoden verpackt. Der Erzählduktus ist sehr flüssig gehalten und die Sprache ist als Träger dieser Botschaften eingesetzt, wobei es am Erzählstil nichts zu bemängeln gibt. Die Hauptfigur unternimmt Ausflüge mit seinem neuen Begleiter, lernt andere Gestalten kennen, die ihn an neue Erkenntnisse heranführen. Es kommt aber auch die Spiritualität nicht zu knapp. Meines Erachtens wird hier dann doch manchmal zu dick aufgetragen. Von den 344 Seiten hätten es möglicherweise 300 auch getan. Das liegt aber auch daran, dass hier eben – sehr amerikanisch  – der Focus auf einzelne Aussagen durch Wiederholung gelegt werden soll. Generell ist die US-amerikanische Mentalität allgegenwärtig („Yes we can“), weil eben alles möglich ist und jeder die Fähigkeit zum Topmusiker in sich trägt. Sehr amüsant fand ich, wie Wooten zum Schluss den Bogen zum Anfang spannt, aber das will ich hier nicht verraten.

Insgesamt kann ich dieses Buch daher (beinahe uneingeschränkt) empfehlen, und zwar Menschen mit einem Hang zur Kreativität, wie auch solchen ohne jegliche künstlerische Ambition, denn, und das stimmt mich dann doch wieder skeptisch: der Untertitel stimmt – irgendwie…



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 4 Kommentare


  • Kommentar von  Klinger C. am 19.04.2010 um 10:17 Uhr Uhr

    Liebe Elke!

    Jetzt fehlt uns nur noch ein weiterer verhinderter Musiker, dann bekäme das „literarische Quartett“ wohl eine neue Bedeutung ;-))
    Bin auch schon gespannt
    Liebe Grüße
    Christian

  • Kommentar von  elke am 17.04.2010 um 10:53 Uhr Uhr

    Lieber Christian,
    herzlich willkommen in unserer Mitte!
    Nicht nur Bücher sind also unsere Leidenschaft, sondern auch die Musik???? Bin eine verhinderte Blues-Gitarristin… spielt zwar gerne laut und mit Begeisterung, aber der Weg vom Gehirn bis zur Umsetzung in meine Hände… naja!
    Freu mich auf spannenden Austausch!
    Liebe Grüße Elke

  • Kommentar von  Klinger C. am 15.04.2010 um 10:58 Uhr Uhr

    Lieber Sündi!

    Auch an dieser Stelle vielen Dank für deinen lieben Willkommensgruß, Herr Kollege ;-))

    ad PS) Es kann schon sein, dass der Andreas auch mal harte Bandagen verteilt, es kommt halt darauf an, wie man damit umgeht *gg*

  • Kommentar von  Sündi am 14.04.2010 um 17:41 Uhr Uhr

    Hallo Christian!

    Mit Freude habe ich registriert, dass du auch an Bord unseres Literaturschiffes gegangen bist.
    Darf ich dich jetzt Herr Kollege nennen?
    Wäre mir eine Ehre!

    Du bist also ein „verhinderter“ Elektrobassist und ich ein ebensocher, allerdings Violinist.
    Neben der Musik ist die Literatur doch eine der schöneren Künste.
    Ok, da wäre noch die Malerei, aber ich sage immer zu mir selbst, Schuster bleib‘ bei deinen Leisten, quasi bleibe standfest.

    Freue mich auf erkenntniserweiternde Diskurse.

    LG, Sü.

    PS: Endlich mal ein Schriftsteller mit dem der Andreas nicht heillos zerstritten ist!

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