Weiler, Jan: Maria ihm schmeckts nicht

verfasst am 17.11.2009 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Weiler, Jan

Maria-ihm-schmeckts-nichtEinem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul meint der Volksmund, aber ich musste es trotzdem tun, da ich dieses Buch zum Geburtstag bekommen habe. Unter normalen Umständen gerät ein Buch mit dem Titel „Maria, ihm schmeckts nicht!“ eher selten in den Bereich meines Bücherradars. Vielleicht sollte ich bei den Frequenzen nachjustieren, weil nach anfänglichen Gewöhnungsproblemen war’s dann gar nicht so übel und es steckt doch wesentlich mehr in diesem Buch, als auf den ersten Blick angenommen.

Im Roman schildert der Ich-Erzähler (Jan Weiler) von seiner Hochzeit mit Sara, einer Halbitalienerin und der anschließenden Eingemeindung in den italienischen Zweig der Familie. Aber nicht in irgendeine Familie, sondern in den Clan der Marcipanes, einer Großfamilie aus Campobasso, einer Stadt ganz unten am italienischen Stiefel, praktisch am Absatz. In einer Gegend, die selbst die Einheimschen „Culo il Mondo“ nennen – meine gute Kinderstube sträubt sich dagegen, dies zu übersetzen.

Unbestrittener Star des Romans ist der Schwiegervater Antonio Marcipane, ein witzig-seltsamer, dauerquasselnder, von sich selbst über alle Maßen überzeugter kleingewachsener Italiener, der in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam.

Während mehrerer Urlaubs- und sonstiger Reisen nach Süditalien erfolgt die Transformation des Erzählers vom Fremden zum Schwiegersohn und er lernt die italienische Lebensart lieben. Aber nicht alle Aspekte, wie zum Beispiel die Nahrungsfürsorglichkeit und den „Bauschaumkuchen“ von Großmutter Anna oder die weichen Betten.

Mit viel Gefühl erzählt Weiler in einer klaren, schnörkellosen Sprache von den kulturellen Unterschieden, den sich daraus ergebenden Irrungen und Wirrungen, aber vor allem von seiner intensiven Beziehung zu Italien. Höhepunkt des Romans sind jene Kapitel in denen er von einer Reise mit seinem Schwiegervater nach Campobasso berichtet. Antonio erzählt dabei seine Lebensgeschichte, von den Bubenstreichen, der Fremdheit als Sohn eines zugewanderten Sizilianers, seiner Sehnsucht nach New York und seiner neuen Heimat in Deutschland.

Und diese Kapitel sind es, die aus dem Buch mehr machen, als eine Aneinanderreihung von lustigen, herzlichen, teilweise skurillen Geschichten und eine flott geschriebenen Sicht auf allerlei italienische Marotten.

„Maria, ihm schmeckts nicht!“ wird von Seite zu Seite besser, laufend rollen die Running Gags auf den Leser zu bis es tatsächlich „saukomisch“ wird, wie das Hamburger Magazin „Stern“ vermerkt. Jan Weiler lebt in der Nähe von München und ist tatsächlich mit einer Italienerin verheiratet.

Auf den ersten Blick sind „die Geschichten von meiner italienischen Sippe“ die optimale Lektüre für den nächsten Italienurlaub, aber es entpuppt sich bei genauerem Lesen als Anleitung zum Umgang mit „Fremden“ und könnte in unseren Breiten als Lernfibel dienen.

Wir haben nämlich ein Problem, und zwar wie wir mit Menschen umgehen, die nicht in unserem Land geboren wurden. Wir haben generell ein Problem mit Menschen, die „anders“ sind, „anders“ als wir uns selbst wahrnehmen. Gerade jetzt treten wieder die Eiferer vor, die Stammtische vibrieren und es kann ihnen gar nicht schnell genug gehen mit der Abschiebung der Zogajs (als Synonym zu betrachten) in den Kosovo. Diese Leute erinnern mich an die grinsenden Gaffer, die Zustimmer, die Abnicker im Jahr 1938, die Bestätigung und Genugtuung empfanden als Juden drangsaliert wurden.

Nach soviel Moral ein letzter gutgemeinter Rat an die Österreichische Volkspartei: Ihr könnt nie so radikal sein wie Strache. Ihm fällt immer noch eine größere Bosheit, eine weitere Schikane ein. Und zur Politik der zuständigen Ministerin muss ich zum Abschluss auch noch sagen: Maria mir schmeckt’s nicht!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Christian am 07.10.2011 um 14:28 Uhr Uhr

    Lieber Sündi!

    das kommt davon, wenn man ein Buch so spät nach dessen Erscheinen liest wie ich. Aber – auch , wenn diese Art Lektüre sonst nicht die meine ist – ich war versucht, auch eine Rezi zu schreiben, was ich mir jetzt erspare, weil du das schon ganz wunderbar gemacht hast.
    Ich fand gerade die leisen Töne interessant, wie etwa die Passagen, in denen Weiler, ohne den Zeigefinger drohend zu erheben, über das Schicksal seines Schwiegervaters als Fremdarbeiter in den 1960ern in D Fuß fasst (was ihm nie ganz gelingt – man denke an die Episode mit dem Autoverkäufer in der Jetztzeit).
    Ich fand die Beschreibungen und die Charaktere gelungen, ich konnte mir die bunten Häuschen mit dem bröckelnden Putz in den engen Gässchen Campobassos, mit den über die Straße gespanntn Wäscheleinen gut vorstellen.
    Sonst bin ich ganz bei dir.
    Ich hätte sogar vier Sterne vergeben.Für die Passagen, wo ich lauthals lachen konnte.
    Beste Grüße Christian

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