Townsend, Sue: Das Intimleben des Adrian Mole 13 3/4 Jahre

verfasst am 04.06.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Townsend, Sue

townsend-moleHaben sie schon mal heimlich ein fremdes Tagebuch gelesen?
Zugegeben, das ist ein außerordentlicher Frevel, aber besonders das Verbotene übt ja auch einen ganz besonderen Reiz aus!

Adrian Mole ist eigentlich ein ganz normaler Jugendlicher und hat auch seine ganz normalen, altersbedingten Träume und seine ganz normalen, altersbedingten Probleme: Pickel, Schule und Mädchen, jene Plagen, die den Pubertierenden schon immer zugesetzt haben.

Adrian fühlt sich als missverstandener Intellektueller – wem ist es noch nicht so ergangen oder tut es vielleicht immer noch? – und kommentiert manchmal altklug, manchmal erfrischend naiv die für ihn undurchschaubare, scheinbar komplexe Welt der Erwachsenen. Adrians Gefühle sind wie ein Jojo in einem ständigen Auf und Ab begriffen und er fühlt sich einfach zu klug für diese Welt.

Die BBC lehnt seine Gedichte ab, seine Eltern (der Vater ein Versager, die Mutter eine Säuferin) wollen sich trennen und weder sein Kumpel Bert Baxter, noch seine 14-jähriger Freundin Pandora (eine Feministin!) oder sein bester Freund Nigel sind ihm eine Hilfe im Kampf gegen eine verwirrende, unsensible Umwelt. Realistisch gesehen hat er also keine Chance nicht zum Außenseiter zu werden!

Das Buch ist amüsant im Tagebuchstil geschrieben, Adrian redet sozusagen mit sich selbst und der Leser wird zum Voyeur, der heimlich mitliest. In meiner Jugend war es eine der wirklichen Todsünden unerlaubterweise in einem fremden Tagebuch zu lesen – das ist natürlich auch gegenwärtig noch so, aber wer schreibt heute noch ein Tagebuch?

Man taucht ein in das Gefühlsleben eines 13-jährigen, aber auch aktuelle politische Vorgänge und soziale Gegebenheiten, wie die steigende Arbeitslosigkeit finden in den Tagebüchern Erwähnung. Das Diarium ist aber nicht nur komisch, sondern enthält auch jede Menge Gesellschaftskritik, die nachdenklich macht. Besonders wenn man bedenkt, dass die momentane Krise unter anderem ihren Ausgang in der Deregulierungswut der Ära Margaret Thatcher genommen hat.

Man gewöhnt sich schnell an Adrian, dem anfangs seine Pickel oder die Länge seines Penis größere Sorgen machen, als die außerehelichen Aktivitäten seiner Eltern. Sue Townsend hat die Charaktere liebevoll, teilweise auch nüchtern gezeichnet und man bekommt ein gutes bzw. ungutes Gefühl vom Leben in England in den Achzigern.

Der Autorin gelingt es auch scheinbar mühelos sich in die Gefühlswelt eines pubertierenden Jungen hineinzuversetzen – was Mütter nicht alles können (müssen)! – und formuliert überspitzt, oft auch mit einem Augenzwinkern.

Für mich war es ein besonderer Genuss Adrians Tagebücher zu lesen, da er ungefähr mein Jahrgang sein dürfte – meinen Berechnungen nach ein 68er – und wir viele Ereignisse gleich wahrgenommen haben. Es könnten also meine Tagebücher sein, sind sie aber nicht!
Die bleiben unter Verschluß!
Sicherheitshalber!!




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