Jean-Luc Bannalec : Bretonische Verhältnisse

Der legitime Nachfolger von Maigret ist bis heute noch nicht gefunden, jetzt macht sich Kommissar Dupin daran, diese Lücke in der Krimiliteratur zu füllen. Das zumindest kann man meinen, wenn man sich ein wenig in das Buch hinein gelesen hat: da geht einer ans Werk, der bei Maigret in die Lehre gegangen sein könnte – doch wieviel hat er dabei gelernt?.

Nur wenige Seiten liest man und schon ist über den Kommissar einiges bekannt und man beginnt sich „Monsieur le Commissaire“ Dupin bildlich vorzustellen: eine Mischung aus Jean Gabin und Lino Ventura könnte er sein, eigenwillig, ein wenig starrsinnig und sehr auf die Einhaltung der von ihm aufgestellten Regeln bedacht. Ein paar Jahre zuvor, nach Unstimmigkeiten, wechselte er nicht ganz freiwillig von Paris in die Bretagne.  Dort hat er sich zwar schon recht leidlich eingelebt, doch für die Einheimischen wird er wohl für immer ein Neuling bleiben.

Der Urlaub eines Kollegen aus dem Nachbardistrikt beschert Dupin einen Mordfall außerhalb seines eigentlichen Reviers. Pierre-Louis Pennec, angesehener Hotelier in der Küstenstadt Pont Aven wurde in der Bar seines Hotel tot aufgefunden. Der betagte Mann wurde Opfer eines Verbrechens, bei dem es zu Beginn weder Spuren noch Motive zu geben scheint.

Das aber ist für den Kommissar höchstens eine kleine, zu vernachlässigende Beeinträchtigung zu Beginn seiner Arbeit. Denn seine Methode ist die Geduld, die Genauigkeit, der Blick auf die Details. Damit findet er früher oder später den richtigen Weg zur Lösung.

Beim Lesen begleitet man Dupin zu einer Vielzahl an Gesprächen mit einer Vielzahl an Leuten. Das verwirrt manchmal ein wenig, denn während sich Dupin alles in sein kleines Notizbuch notieren darf, muss man beim Lesen mehr auf das eigene Gedächtnis vertrauen (oder auch einen Notizblock beschreiben, aber wer macht das schon …). Und das (Gedächtnis) wird dabei doch sehr gefordert. Es ist aber keine Schande sich nicht alle Details  zu merken, denn auch – Zitat Seite 33 – „Dupin stellte fest, dass sein kleines Diagramm mit den Namen der Hotelangestellten […] unübersichtlich geworden war“. Na eben!

„Bretonische Verhältnisse“ war wochenlang in der Spiegel-Bestsellerliste und wurde mit Lobeshymnen aus allen Ecken überhäuft. Dieses positive Echo half mir, über die ersten 80,90 Seiten zu kommen, denn es musste ja einen Grund für den Hype geben. Andernfalls aber hat mich dieser erste Abschnitt eher gelangweilt, er war langatmig und umständlich. Um die Charaktere zu beschreiben sind unzählige Zeilen notwendig, während derer die Handlung nur in Minischritten voran kommt. Jedenfalls: Lobeshymnen und Bestsellerlisten hielten mich davon ab, das Buch schon früh beiseite zu legen.

Was folgte, war dann ein Lesen unter dem Aspekt des „Sich-daran-gewöhnt-habens“. Die Handlung legte abschnittsweise einen Zahn zu und es tauchten nicht mehr andauern neue Mitspieler mit endlos langen bretonisch- französischen Namen auf. An die umständliche Sprechweise der handelnden Personen gewöhnt man sich auch und lernt, das eine oder andere gezielt zu überspringen. Am Ende hatte ich einen netten Krimi, verbrämt mit extrem viel Lokalkolorit gelesen, der sich dabei immer öfter wie ein Hochglanz Werbeprospekt für die Bretagne anfühlte.

Nett war es ja, aber so toll, wie man oft liest? Ich denke eher, da hat äußerst professionelles Verlags-Marketing einiges an der Meinung des Publikums  und der Journalisten geschraubt. Und dafür muss man auch den Hut ziehen, auch wenn, ich wage es ja kaum zu schreiben, das Marketing wesentlich besser war als das Buch.

Ein französischer Autor, aber niemand wird für die Übersetzung genannt:  Jean-Luc Bannalec ist, so jedenfalls schreibt der Verlag, geboren in Brest in der Bretagne, hat aber eine deutsche Mutter. Er lebt und arbeitet in beiden Ländern und kann sich somit die Kosten für die Übersetzung sparen. Andererseits: Jean-Luc Bannalec ist ein Pseudonym – womit diese biografischen Daten wohl auch nur erdacht sind.

Was auffällt: ich habe, soweit ich mich erinnern kann, noch nie zuvor ein Buch gelesen, in dem ein so großer Anteil der insgesamt gedruckten Buchstaben für (Orts-, Personen-, Strassen-) Namen, Anreden und Titel verwendet wurden.

PS: und wie steht es um die Maigret-Nachfolge? Meine Meinung: geben wir dem Kommissar Dupin noch eine (oder vielleicht auch zwei)  Chance(n), mit diesem ersten Krimi hat er es sicher noch nicht geschafft. Aber eine weitere Chance hat er sich unbedingt verdient, denn trotz aller seiner manchmal eigenwilligen Eigenarten und Langatmigkeiten ist er ein sympatischer Typ. Und noch etwas: rund 200 Seiten (so lange brauchte Maigret im Schnitt um seine Fälle zu lösen) hätten auch gereicht – knapp 300 Seiten sind für diesen Krimi einfach viel zu viel.


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