Vogler & Stangl: Ich, Carlo-Enrico Grassa: Eine sizilianische Biografie

verfasst am 17.02.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: I Stangl, Satire, Vogler, Hannes

Ich, Carlo Enrico Grassa, eine sizilianische Biografie handelt vom Aufstieg eines ehrgeizigen,  jungen Mannes aus dem südsizilianischen Agrigento, der nur in ganz entfernten Zügen an den „talentiertesten Finanzminister der zweiten Republik“ (© Wolfgang Schüssel) erinnert. In der Ich-Form erzählen die Autoren Giovanni Ucellatore und Io Steccoli die (von Hannes Vogler und I Stangl übersetzte) Lebensgeschichte des von Gott mit dem Auftrag, besser als alle anderen zu sein, versehenen Talents, sich bis an die Spitze von Geld, Macht und Glamour vorzuarbeiten.

Seine erste Million Lire  macht er mit drei Jahren als Sohn eines Bootsbauers, indem er einen Touristen über den Tisch zieht. Dieses Genie bleibt natürlich nicht unentdeckt vom Stern des Südens, dem Führer der PDL (Partito della Liberta), Jorgo Aidero. Über die Banda di ragazzi fasst er als Tourismusexperte (ja, ich habe ein Reisebüro besucht – was ihn offenbar dafür prädestiniert) Fuß in der Politik, zerwirft sich aber menschlich mit Aidero und wird für eine Zeit vom Maksima Konzern des sizilio-russischen Selfmademilliardärs Franco Stronov abgeworben, bis in der Regierung des Volfgango Scodella seine große Stunde schlägt.

Endlich kann er seinen Traum, den Staat zum Wohl der Sizilianer zurückzudrängen um in einer beispiellosen Privatisierungswelle Kapital (vor allem für die unzähligen Berater)zu lukrieren, umsetzen. Dazwischen wird viel über Männerfreundschaften, Seilschaften, Unmengen an verschobenen Geldern, Luxusurlaube auf den Malediven, Yachtausflügen mit Giulio Mioli und natürlich als Krönung die Hochzeit mit Flora Bukowski geschrieben. Auch Karl-Heinz Grasser (oder so ähnlich) darf einen Cameoauftritt liefern.

Irgendwie bekannt? Natürlich, denn die Medien sind nach wie vor voll von Berichten über Untersuchungsausschüsse, Einvernahmen ehemaliger Spitzenpolitiker durch die Staatsanwaltschaft und über die Praxis des Lobbyings. Da aber offenbar weder die Justiz, geschweige denn die Politik es vermochten, ein Licht in die Ära Schwarz-Blau, in welcher Episode unsere Demokratie für manche zu einem Selbstbedienungsladen zu verkommen schien,  zu bringen, mussten die bekannten Satiriker I Stangl und Hannes Kofler sich dieses Themas annehmen, das sie – eben satirisch überzeichnet – in Sizilien angesiedelt haben, damit möglicherweise die beschriebenen Vorgänge in einem Land, dem der Ruf von politischem Filz, Mafia und Kirche regiert zu werden, vorauseilt eher glaubwürdig scheinen.

Dabei soll meiner Ansicht nach nicht vergessen werden, dass die realen Vorgänge bereits so himmelsschreiend sind, dass die Latte für einen Satiriker, das noch überzeichnen zu wollen, beinah zu hoch liegt. Das gelingt dann aber, wenn der Held mit seinem Surfbrett einen Tsunami auf den Malediven auslöschen kann, doch.

Köstlich amüsiert habe ich mich über die durchgängig verwendeten Italizismen (gibt es das überhaupt?), wenn beispielsweise der von der Regierung bemühte Spruch „Speed kills“ als „velocita uccide“ und der Parteitag von Knittelfeld als „putscho die  Campoknittlo“erwähnt wird. Besonders kreativ waren die Übersetzer bei wohlbekannten Namen. Meine Lieblinge: Pietro Ovestovalle für Peter Westenthaler, Valter Maismontagnolo für Walter Meischberger oder Alfonso Menovillaggio-Bouillon für den leutseligen Graf, und so weiter …

Dieses Buch empfehle ich aber nicht nur wegen des unzweifelhaft gegebenen Unterhaltungswerts, sondern vor allem deswegen, weil hier die Ereignisse um einen gewissen Personenkreis in der jüngsten Vergangenheit nochmals zusammenfassend im Sinne einer literarischen Anklage festgehalten sind.



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