Rabinowich, Julya: Spaltkopf

verfasst am 03.08.2011 von | 2 Kommentare
Rubriken: Rabinowich, Julya, Romane

Mischka wächst in Leningrad auf, in einem großen russisch-jüdischen Familienverband. Eines Tages findet ein großes Abschiedsfest statt, die ganze Verwandtschaft hat sich versammelt. Es gibt „Hering im Pelz“, Schüsseln mit rotem und schwarzem Kaviar zieren den Festtagstisch, ebenso Karaffen mit Wein und eisig beschlagene Wodkaflaschen. Ein Samowar verbreitet den Duft russischen Tees.

Bald wird die Familie getrennt sein, die einen fliegen nach Amerika, die anderen nach Israel oder Südafrika. Mischka, ihre Eltern und Großmutter Ada wandern nach Österreich aus dem sozialistischen Russland aus. Damit beginnt eine schicksalshafte Geschichte um eine Emigrationsfamilie.Als Urlaub in Litauen vorgetäuscht – zumindest gegenüber dem Mädchen – machen sich Eltern, Großmutter Ada und Mischka Ende der 1970er auf den Weg raus aus der UdSSR in den Goldenen Westen. Der Spalt zwischen der Gegenwart im Westen und der Vergangenheit im Osten ist für Mischka kaum überwindbar.

In Wien angekommen beginnt Europa bald seinen Glanz zu verlieren. Die Eltern, beides Künstler, saugen Wien und ihre „Freiheit der Kunst“ auf, während das Mädchen, eine Außenseiterin, sich lieber am Naschmarkt und an Würstelbuden herumtreibt, und sich an Breughels und anderen Alten Meistern wenig interessiert. Mehr die ersten zarten Auswüchse der Pubertät und amerikanische Comics faszinieren sie. Erstmals siehst sie auch Barbiepuppen, die bei ihr den Eindruck von Edelprostituierten hinterlassen.

Nach und nach verliert sich die Familie. Der Vater bemerkt bald Wiens Ähnlichkeit mit Petersburg. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kehrt er nach seinem Besuch in seiner Heimat nicht mehr zurück. Die emigrierte Familie splittert und zerspaltet und muss sich neu definieren.

In ihrer Kindheit hat Mischka Angst vor dem „Spaltkopf“, ein Geist, ein großer schwebender Kopf, der sich über den Menschen stülpt und einem die Seele aussaugt. Daneben gibt es noch Baby Yaga, eine russische Hexe, die in einem Haus auf Hühnerbeinen wohnt. Manchen hilft sie, manche frisst sie.

Beide Gestalten aus den russischen Märchen lassen Mischka zeitlebens nicht mehr los. Sie selbst fühlt sich manchmal so wie diese beiden Gestalten. Mal saugt sie, mal hilft sie, mal hasst sie.

Sie lebt in Selbsthass und findet sich nicht in ihrer neuen Heimat zurecht, findet sich nicht in ihrem eigenen Spiegelbild, in ihren Liebhabern. Selbst bei der Geburt ihrer Tochter kann sie sich emotional nicht positiv auf ihr Leben einlassen. Letztendlich fährt sie nochmals nach St. Petersburg…

Ein tolles Buch in einer faszinierender Sprache geschrieben!


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Nina Rabinowich am 19.08.2014 um 22:51 Uhr Uhr

    Sehr tiefes Buch, brillant geschrieben!
    *****

  • Kommentar von  Nina Werzhbinskaja am 19.08.2014 um 22:48 Uhr Uhr

    Ein tolles, erliches Buch!
    *****

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