Coupland, Douglas: Shampoo Planet

verfasst am 05.04.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Coupland Douglas, Romane

Und munter geht es weiter in der Reihe der amerikanischen Klassiker bzw. mit einem Werk, das dafür gehalten wird. Douglas Coupland verfasste mit „Generation X“ ein Kultbuch, namensgebend und stilbildend für eine ganze Generation von amerikanischen Jugendlichen.

Aber darüber möchte ich heute nicht berichten, sondern mir das Nachfolgebuch ein bisschen zu Herzen und hoffentlich auch zum Hirn nehmen.

„Shampoo Planet“ könnte auf den ersten Blick auch der Titel einer ScienceFiction-Serie oder im völlig zu Recht unterschätzten Genre der Zukunftsliteratur (von Stanislaw Lem einmal abgesehen) beheimatet sein. Ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Coupland erstellt einen Befund der Jugendlichen und ihrer Kultur nach den einschneidenden Veränderungen der Reagan-Ära und dieser unterscheidet sich diametral zur Lebensweise der Generation X („We want the world and we want it now!“). Bildung, Karriere und Aufstieg sind angesagt – die Yuppies stehen in den Startlöchern und scharren schon ganz gehörig mit den Hufen!

So auch Tyler Johnson, der eine Hotelfachschule in seinem Heimatort besucht, noch zu Hause wohnt und von einer Managerkarriere (war dies nicht mal das Unwort des Jahres?) bei einem internationalen Großkonzern träumt, sprich den Ausbruch aus einem verschlafenen Nest in der Provinz hinein in das pulsierende Leben der großen weiten Welt. Ihm zur Seite seine Freundin Anna Louise, ein typisch amerikanisches Mädel: lustig und keine Bohnenstange. Seine Mutter Jasmine, ein Althippie und noch immer dieser großen Ära der Freiheit stark verbunden, lebt gerade in Scheidung und daher mit gewisser Sensibilität zu behandeln. Sein Freundeskreis ist skurill, aber nicht uninteressant und er liebt sein Auto. Arm zu sein und in einem Fast Food – Restaurant die Frittiermaschine zu bedienen, sind seine tiefsten Ängste und verfolgen ihn bis in seine Träume.

Besonderes Augenmerk legt Tyler Johnson auf die Pflege seines Haares – ich höre es bereits überall klingeln, wie am Ostersonntag zu Mittag, wenn die Glocken wieder aus Rom zurückgekehrt sind. Shampoo Planet, eh klar! „Wer sein Haar vernachlässigt, gibt sich auch selbst auf“ lautet das Credo.

Übrigens, dies ist eine Entwicklung, die bis in unsere Zeit hereinreicht, wenn man und vor allem frau an die perfekten Gelfrisuren der spanischen Weltmeisterkicker denkt. Ein Genuss für gleich mehrere Sinne und der Beweis, dass wahre Ästethik noch am Leben ist und atmet.

Ach ja und dann gibt es noch die Großeltern, die anscheinend im Jetset ihre wahre Berufung gefunden haben und für ihre Enkel (Tyler hat noch zwei Geschwister, Daisy und Mark) gar nichts springen lassen wollen.

Die Geschichte könnte frisch-fröhlich dahinplätschern, wenn nicht plötzlich seine Sommerliebe Stephanie, Resultat eines 14-tägigen Aufenthalts in Paris, vor der Tür stehen würde. Die wunderschöne und fast schon klischeehaft arrogante, jedenfalls gertenschlanke Stephanie samt ihrer Freundin Monique verwandeln die scheinbare Ordnung der Dinge in Entropie und auch Tylers Wertegerüst gerät bedrohlich ins Wanken.

Selbstredend gibt ihm Anna Louise den Laufpass, den er auch aufnimmt, um sich mit Stephanie nach Los Angeles zu verdrücken, denn auch dort gibt es Erfolgsleitern zu erklimmen.

Douglas Coupland hat eine angenehm intelligente Art zu erzählen und so sind die 300 Seiten im Nu vorbei und Menschen meiner Generation verstehen vielleicht ein bisschen besser warum sie sind wie sie sind.

Wenn sie es nicht sowieso schon vorher gewusst haben.

PS: Wir bezeichneten uns natürlich nicht als Reaganjugend, sondern selbstverständlich als Kreiskykinder.


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